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8 Seiten

Macht und Wahrheit 1. Band - 10.Kapitel

Romane/Serien · Spannendes
© Palifin
Hat dich Jodruhul hierhergebracht?“, fragte Lea etwas später ihre Mutter. „Er ist ein Verräter!“ Sie krauste zornig die Stirn.
„Also Lea, das mag er ja sein, du weißt ja, was ich über Baranis und ganz besonders über ihn denke, aber ….!“
„Ja, nur Schlechtes“, fiel Lea ihr ins Wort, das ist ja der verdammte Mist!“
„Fluche nicht so“, Gatrun lächelte, stoppte dann vor dem Loch im Fußboden, schüttelte den Kopf und machte einen großen Schritt darüber, dann lief sie in die Mitte des kleinen Raumes direkt auf ihre Tochter zu, „aber ich bin froh, dass ich mein Kind ganz gesund und munter wieder in meine Arme schließen kann.“ Sie wollte wie immer zur Begrüßung ihre Tochter umarmen, aber Lea sprang von ihrem Stuhl auf, wich vor ihrer Mutter zurück, schob sich an ihr vorbei zur Tür. „Fass` mich nicht an!“, zischelte sie ihr zu.
„Nanu?“ Gatrun lief ihr völlig irritiert hinterher. „Was hast du?“
„He, ich bin nicht DEIN Kind und auch kein KIND mehr. Ich gehöre dir nicht. Ich bin erwachsen und weiß sehr wohl, was ich tue!“
„Nein, das weißt du eben nicht.“, stellte Gatrun trotzdem klar. „Du bist verliebt bis über beide Ohren und kannst daher nicht richtig denken! Das kenne ich. Mein Gott, ich war auch mal so jung wie du. “
„Warst du damals auch in einen Magier verliebt?“
„Das allerdings nicht!“, räumte Gatrun ein. Ihre Stimme klang ohne, dass sie es wollte, nun doch sehr gereizt. „Wäre mir bei aller Verliebtheit nicht im Traum eingefallen mit so einem schwarz gewandeten Barani von Burg zu Burg zu ziehen, nur um mal ein Dach über dem Kopf zu haben und ein bisschen Geld in der Tasche.“
„Aha, so siehst du also das Ganze!“
„Sehr richtig, so sehe ich das! Du, später mit dem Kind dieses baranischen Gauklers unter dem Herzen, der dir vielleicht noch nicht einmal treu sein kann, weil er die Gunst der adligen Damen braucht!“
„Ja und?“ Lea lief inzwischen rückwärts, bewegte sich zwar ganz langsam, aber immer weiter zur Tür. „Mama, du wirst es zwar nicht glauben in deiner Engstirnigkeit aber wir haben uns schon Gedanken darüber gemacht, wie es weitergehen soll. Stell dir vor, wenn es dicke kommen sollte, würde ich sogar mit einem Planwagen mit ihm durch die Gegend ziehen. Was sagst du dazu?“
„Furchtbar! Du bist eine verwöhnte kleine Adelige und hast überhaupt keine Vorstellung von dem, wie schrecklich so etwas ist!“
„Außerdem hat er ein kleines Stückchen Land und ….huch?“ Lea brach ab, denn ihr Fuß war plötzlich in der Spalte des Holzfußbodens stecken geblieben. Es hätte nicht fiel gefehlt und sie wäre über die abstehende Holzlatte gestolpert. Lea zog - wütend über diesen kleinen Unfall- den Fuß mit einem Ruck wieder heraus, aber der Schuh blieb stecken. Das ärgerte sie umso mehr, sie bückte sich zornig, um den Schuh ganz aus dem Spalt herauszuziehen, aber der rührte und ruckte sich nicht. „Verdammter Mist….! Ach, es ist doch mein Lieblingsschuh! “, schluchzte sie.
„Nicht fluchen, Lea!“
„Wenn ich fluchen will, dann fluche ich eben. Ich kann machen, was ich will!“, schrie Lea ungeduldig und verzweifelt und sie wischte sich die Tränen fort, während sie weiter an dem Schuh zog. „Hoffentlich geht er nicht dabei kaputt!“
„Soll ich dir helfen?“
„NEIN! Du hilfst mir NICHT!“ Mit einem wilden Aufschrei packte Lea schließlich die Holzlatte und …. riss sie vollends aus dem Fußboden! Überrascht hielt sie die Latte in den Händen. Aber sie hatte es geschafft. Sie konnte nun ihren Schuh ganz leicht aus dem Loch holen. Nachdem sie festgestellt hatte, dass der Schuh keinen Schaden genommen hatte, murmelte sie zufrieden: „Hehe, warum nicht gleich so!“
Aber dann hörte sie Gatrun verdutzt keuchen, als diese noch einen Blick in die Spalte geworfen hatte: „Mein Gott, Lea“, ächzte sie, „Da ist ja noch etwas in dem Loch?“
Beide Frauen blickten nun mit angehaltenem Atem in die Lücke, denn in dieser konnte man, unter viel Staub und Schmutz, den roten Samtdeckel eines Buches erkennen. Zwei Worte - mit goldener Tinte geschrieben - waren der Titel. Das gesamt Buch schien recht groß zu sein, etwa eine Elle lang und eine halbe Elle breit.
Lea und Gatrun hatten plötzlich keinen anderen Gedanken mehr, als herauszufinden, was es mit diesem seltsamen Buch auf sich hatte. Als erstes scheuchte Lea eine Spinne fort, die dort ansässig gewesen war. Gatrun fegte den Staub mir der flachen Hand vom Buchdeckel weg und es staubte entsetzlich und dann lasen sie beide laut vor, was dort in funkelnden Lettern geschrieben stand: „Ter Kormo!“
Merkwürdig, was ist das nur für eine Sprache? Wer gibt denn einem Buch solch einen seltsamen Titel? Was könnte das wohl heißen?“, fragte Gatrun eher sich selbst als ihre Tochter.
Diese ruckelte ungeduldig an dem Buch, um es hoch zu heben. „Oh, ist das spannend!“, keuchte sie. „Aber verdammt, ich kriege es nicht aus dem Loch!“
„Du sollst nicht fluch…egal, hab` schon verstanden, warte Lea, ich helfe dir!“, schlug Gatrun vor.
Während sich die Zwei gemeinschaftlich darum bemühten das Buch einiger maßen heil aus der kleinen eckigen Kammer heraus zu bekommen, die, wohl eigens als Versteck dafür angelegt worden war, flatterte eine Krähe zum Fenster des kleinen Turmzimmerchens und schaute sehr interessiert zu ihnen hinein.
Die beiden Damen achteten nicht weiter auf diesen Rabenvogel, denn schließlich gab es viele davon, obwohl dieser hier etwas Besonderes war, weil er eine weiße Brust zu haben schien.
Ach, nichts konnte jetzt interessanter sein, als dieses Buch. Außerdem erwies es sich als schwierig, solch ein uraltes Ding aus der engen Kammer im Fußboden herauszubekommen. Derjenige, der es hier versteckt hatte, hatte es regelrecht in dieses Loch hinein gequetscht, und nun war das Buch auch noch durch die Feuchtigkeit aufgequollen.
Endlich hatten sie es hinaus und es gelang ihnen, das, leider zum Teil arg beschädigte, Buch vorsichtig auf den Tisch zu legen. „Ter Kormo“, las Gatrun noch einmal.
„Ter Kormo “, wisperte auch Lea verwundert. „Und was bedeutet das?“
„Keine Ahnung!“, Gatrun zuckte die Schultern.
Lea hob vorsichtig den Deckel des Buches an. „Nanu?“, keuchte sie überrascht. „Der ist ja ganz locker? Er wackelt…? “
Und dann mussten sie beide erkennen, dass sich leider nur ein Teil, des einst wohl recht dicken Buches, zwischen den Deckeln befand. „Schade, und wo ist jetzt der andere Teil?“, fragte Gatrun sich laut.
„Verdammt, Mama, jemand hat wohl …Lea bekam ganz kleine Augen, als sie das Buch noch eingehender musterte und abschätzte“ … ungefähr dreiviertel der Seiten oder noch mehr wurden aus dem Buch entfernt. Verdammt, verdammt! “
„Du sollst nicht fluch….schon gut….aber weshalb wurde das getan? Ich suche den Grund!“, knurrte Gatrun aufgeregt.
„Der ist genauso bescheuert, wie der Umstand, dass die paar Seiten hier offensichtlich leer sind!“ Lea schüttelte fassungslos den Kopf, während sie diese hin und her blätterte.
Die beiden musterten nun abermals den Deckel des Buches sehr genau. „Sieh mal,“ meinte Lea schließlich „der ist stark lädiert, irgendwie zerknautscht worden, und der Buchrücken ist überdehnt und zum Teil sogar eingerissen…“
„Verdammt, es hat wohl einen Kampf um dieses Buch gegeben.“, entfuhr es Gatrun verstört.
„Du sollst nicht fluchen Mama, aber so sehe ich das auch.
Es wurde um dieses Buch gekämpft. Jemand zog an der einen Hälfte aber ein anderer hielt es eisern fest. Vielleicht waren es sogar mehrere, die nach dem Buch gegriffen hatten und die schließlich daran zogen und zerrten. Niemand war bei diesem Kampf Sieger. Das Buch wurde zerrissen und in zwei, vielleicht sogar mehr Teile zerlegt.“
„Lea, da hast du völlig Recht, jeder von ihnen könnte mit einem Stapel Seiten entkommen sein.“
Niemand von den Beiden merkte währenddessen, dass die Krähe nun ihren Fensterplatz verlassen und davongeflogen war.
„Aber einer von ihnen…“, meinte Lea jetzt, „… behielt diesen Buchdeckel mit dem spärlichen Inhalt, hielt ihn wohl für sehr kostbar und versteckte ihn hier.“
„Aber … wieso kostbar? Weshalb kämpft man um leere Seiten?“, wollte Gatrun jetzt wissen.
„Weißt du was? Diese Seiten werden in Wahrheit gar nicht leer sein. Sie sind mit einer besonderen Tinte geschrieben. Jodruhul hat mir mal von solch einem Buch erzählt. Man kann die geheimen Sprüche nur mit Hilfe eines bestimmten Glases lesen.“
„Geheime Sprüche? Meinte er etwa magische richtige Zaubersprüche?, keuchte Gatrun aufgeregt.
„Vielleicht?“, Lea rieb sich nachdenklich die Stirn.
„Sagte ich ja,“, murrte Gatrun. „Irgendetwas stimmt mit diesem Mann nicht!“
„Ja, und außerdem ist er ein Barani und bla…,bla…!“,schnaufte Lea zornig. „Mama, merkst du nicht, dass du schon wieder mit diesem Thema anfängst?“
„Schon gut…entschuldige!“, beschwichtigte Gatrun.
„Also…“, begann Lea von vorne, „Ich hielt damals Jodruhuls Erzählung für ein Märchen, mit welchem er mich nur unterhalten wollte, aber jetzt könnte ich fast an diese Geschichte glauben. Übrigens, es würde mir auch nichts ausmachen, wenn er ein richtiger Magier wäre.“
„Verdamm…schon gut. Aber weshalb könnte Jodruhul dieses Buch ausgerechnet hier bei Alconia versteckt haben?“, wollte Gatrun jetzt wissen.
„Vielleicht fürchtete er jemanden, der nichts Gutes mit diesen Seiten tun würde, sofern der sie bekäme. Und wer kommt schon darauf, dass sie ausgerechnet in dem Zimmer der naiven Prinzessin Alconia versteckt sind?“, versuchte Lea zu erklären.
„Jetzt habe ich auch eine Idee, könnte es nicht sein, dass Alconia sogar davon wusste?“, fiel es Gatrun plötzlich ein.
„Mama, du meinst doch nicht etwa, dass sie selbst dieses Buch hier versteckt hat?“
„Doch, meine ich!“, gestand Gatrun kleinlaut ein.
„Aber du könntest recht haben,“ Lea rieb sich nun, ganz wie Jodruhul das Kinn und murmelte dann: „Verdammt, das zeigt unsere liebe Alconia uns plötzlich in einem ganz anderen Licht und womöglich …“, Lea brach abrupt ab. „Mama, hast du das eben auch gehört?“
„Was?“
„Na…da waren doch gerade Schritte, die die Wendeltreppe hinaufschlichen?“
„Verdammt…!“, entfuhr es Gatrun.
„Du sollst nicht fluchen, Mama! Ja, der gute Jodruhul beeinflusst sogar dich!“
„Also, du weißt ja, was ich von ihm halte!“, erklärte Gatrun schnippisch.
„Ja, und auch von Baranis im Allgemeinen!“, höhnte Lea.
„Schon gut, aber, was machen wir jetzt?“
„Ich werde dir beweisen, dass das es nicht Jodruhul ist, der hier herumschleicht! Jodruhul ist immer ganz offen und ehrlich und …“
„Aber Lea, du solltest ihm nicht zu sehr vertrauen. Wenn der in der Tür steht und sofort das Buch sieht …das ist nicht gut!“
„Na, dann verstecke es meinetwegen und ich bereite ihn später erst ganz langsam darauf vor.“, schlug Lea jetzt vor.
„Aber wohin damit?“, Gatruns Stimme klang ratlos.
„Dir wird schon etwas einfallen.“, beruhigte sie Lea. „Ich reiße jetzt die Tür auf, geht das in Ordnung?“
„Aber… wenn das nun ein Meuchelmörder ist oder ….du solltest vorsichtig sein!“
„Schon getan!“, hörte sie Lea.
„HUCH! ….oh, Entschuldigung“, rief Hubis überrascht. Er war der einzige baranische Diener Jodruhuls und schien wohl gerade erst oben angekommen sein, denn er schnaufte heftig, während er sich verbeugte.
„Du hast doch nicht jetzt hier gelauscht?“, wollte Lea trotzdem von ihm wissen.
„Iiich nein, weiß doch was sich gehört.“ Er winkte mit seiner großen braunen Hand hektisch ab. „Ich wollte lediglich die beiden Damen daran erinnern, dass seine Hoheit König Legold und seine Durchlaucht Prinzessin Alconia schon lange auf ihre Anwesenheit hoffen, denn es ist längst Abendbrotzeit. Auch mein Herr der berühmte und überall bekannte….“
„Aber wieso…“, fiel ihm Gatrun gleich sehr misstrauisch ins Wort, „kommt nicht wie immer unser Kammerdiener Bresedor, um uns zu holen?“
„Tja, der gute Bresedor…,“ Hubis machte eine bedauerliche Miene, „ist leider in der Küche ausgerutscht und …“
„War Jodruhul in seiner Nähe?“, unterbrach ihn Gatrun zornig.
„Ja…ah?“, kam es gedehnt zur Antwort. „Wieso fragt Ihr?“
„Weil sie grundsätzlich alle Baranis hasst!“, antwortete Lea einfach anstelle von Gatrun. „Sie hält sie von vornherein für hinterhältig und durchtrieben.“
„Das habe ICH jetzt nicht gesagt“, machte Gatrun ihre Tochter aufmerksam, „das hast DU …“
Aber Jodruhuls Kammerdiener ließ sie nicht weiter ausreden. „Ach, das ist alles so traurig…“, jammerte der, „dann hat ein Barani ja gar keine Chance, um ….verdammt, da ist ja ein Loch im Fußboden!“, unterbrach Hubis sich plötzlich sich selbst. Sein dunkelhäutiges kantiges Gesicht zeigte kaum Erstaunen, stattdessen funkelten die kleinen schwarzen Augen gierig über der langen spitzen Nase. Er grinste, ließ die weißen Zähne in seinem dunklen Gesicht blitzen und vergrößerte den Türspalt mit einem gewaltigen Ruck ganz erheblich. Obwohl er nicht sonderlich groß war, besaß er doch sehr viel Kraft und wollte sogar vollends ins Zimmer hineinstürmen, doch Lea stellte sich ihm einfach in den Weg.
„Ach, das kümmert uns doch beide nicht.“ Lea fand Hubis jetzt doch ein bisschen dreist, denn sie schob ihn von der Tür weg in Richtung Treppe. Er gehorchte ihr, wenn auch ungern und stolperte nach rückwärts.
Gatrun merkte, an dieser unbekümmerten Geste, dass ihre Tochter, weil sie nun mit Jodruhul verbandelt war, ganz automatisch auch mit diesem Barani recht gut zurechtkam und diese Vertrautheit gefiel ihr ganz und gar nicht.
„Komm Hubis,“ hörte sie Lea freundschaftlich mit diesem Barani plaudern, während sie gemeinsam die Treppe hinunterstiegen „Ich gehe jetzt mal artig mit dir zum Essen runter! Die Frau da oben, die so viel dummes Zeug geredet hat und zufälliger Weise meine Mutter ist, sollte ruhig etwas später nachkommen! Bis unser Zorn verraucht ist, nicht wahr?“
„Naja, ich weiß nicht?“, druckste Hubis hervor und kratzte sich in seinem schwarzen Lockenhaar. „Dürfen wir denn so frech sein und nicht auf sie warten?“
„Klar, die Frau hat Baranis beleidigt und ich stehe voll auf eurer Seite!“
„Aber, Lea, also…“, rief Gatrun die Wendeltreppe hinunter „Ich wollte vorhin Jodruhul nicht wirklich beschuldigen. Das war nur von mir so ein dummer Einfall! Bresedor kann ja auch nur so gestürzt sein!“
„NEIN, das glaube ich dir nicht mehr.“, fauchte Lea von tief unten zu Gatrun hinauf. „Deshalb bleibst du erst einmal hier und denkst über deine Worte mal richtig nach!“
Gatrun war entsetzt über den scharfen Ton ihrer Tochter. „Guck nicht so,“ hörte sie ihr Kind, als es unten die Tür öffnete. „Ja, genau so hast du mich früher auch immer behandelt. Erinnerst du dich noch? Und nun ist es mal umgekehrt.“ Und dann fiel die Tür ins Schloss.

#

Als es dunkelte, schlich eine große schwarz gekleidete Gestalt erst einmal an den drei großen Tannen vorbei, bis sie schließlich in der Nähe des Westturms anhielt. Der junge Mann mit der weiten Kapuze schaute hinauf. Ja, oben war noch Licht! Also konnte sie noch da sein! Er musste vorsichtiger werden und warten.
Es war Wind aufgekommen. Der Vollmond leuchtete zwar, aber die grauen Wolken trieben rasch vorbei und verdunkelten ihn zeitweilig. Das war günstig.
Der weite Umhang wehte um den muskulösen Mann. Dieser ballte nun die Hände zu Fäusten, gab sich einen Ruck und lief dann zu der dichten Hecke, die um den Turm herum wucherte. Er versteckte sich dahinter, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand.
Wenig später hörte er oben im Turm ein Schlüsselbund klappern und kurz danach die Schritte leichter Schuhe, welche die Wendeltreppe hinuntereilten. Eine schlanke Frau mittleren Alters mit rötlich schimmerndem Haar stand schließlich im kleinen Burghof unten in der Tür des Turms, schaute sich vorsichtig im Mondlicht nach allen Seiten um.
Zu flüchtig- denn sie sah nicht den Schatten, der sich dicht an der Mauer hinter der hohen Hecke versteckt hielt. Gatrun lief weiter. Sie eilte sich, um noch etwas von den Speisen zu bekommen.
Der junge Mann hingegen war satt. Er war ja auch pünktlich genug beim Abendbrot da gewesen. Nun wartete er bis diese verhasste Frau verschwand, holte einen Schlüssel hervor und schlich sich nach oben. Schnell war die Tür geöffnet. Er schaute sich suchend in Alconias kleinem Raum um.
Ja, da war das Loch im Fußboden! Gatrun und Lea hatten also wirklich das Buch gefunden. Und das schlimmste war, ER wusste nun auch davon. ER wollte es gebracht bekommen, denn es war ja im Grunde SEINS, zumindest dieser Teil. Wo konnte Gatrun aber so ein recht großes zerfledertes Buch geschickt versteckt haben? Wo war nur ´Ter Kormo`?
Den König, ebenso Prinzessin Alconia und seine heißgeliebte kleine Lea, hatte er inzwischen mit der Lösung einiger seiner Zaubertricks für eine Weile beschäftigt und auch die übrigen Edlen der Burg. Aber irgendwann Mal würde Alconia doch zurück sein. Sie war schnell müde und ging eigentlich früh schlafen. Außerdem rückte seine Zeit immer weiter vor.
Man hatte ihn zuletzt aufgehalten, darum musste er sich jetzt beeilen. Jodruhul schob sich mit einer energischen Bewegung die Kapuze vom dichten schwarzen Haar und begann in den Sachen der Prinzessin zu kramen. Es kribbelte schon unangenehm in seinen Füßen und Händen. Jaja, bald war es wohl wieder mit ihm soweit.
Verdammt, warum war sie nur solch eine Sammelratte? Nachdem er das ganze Zimmer einschließlich dem Bett der Prinzessin durchwühlt hatte, hockte er sich in seiner Verzweiflung auf den Fußboden, denn er konnte nun gar nichts mehr tun. Ein letzter Blick noch. Seine schönen Augen schweiften suchend umher. Doch nirgendwo war das Buch zu finden? Hatte Gatrun die kostbaren Seiten etwa mitgenommen? Das wäre sehr gefährlich für sie. Ein seltsames Funkeln glitt dabei über sein Gesicht, dann senkte er traurig den Kopf.
Er versuchte sich mit dieser schrecklichen Tatsache abzufinden. Einesteils war es ja gut, wenn ER das Buch noch nicht so rasch bekam, andern Teils würde es ihm – Jodruhul – bald deswegen sehr schlecht ergehen, weil er es IHM einfach nicht wiederbringen konnte.
Automatisch hatte er dabei all die schrecklichen Qualen vor Augen, die er schon wegen anderer Unfähigkeiten hatte durch IHN erleiden müssen. Verdammt, es war jetzt wieder soweit, denn er hörte Schritte, welche die Wendeltreppe hinaufeilten. Er spürte, dass seine Kehle trocken wurde. Es kribbelte nun überall an seinem Körper. Seine Zunge war wie gelähmt. Er wusste, bald würde er nicht mehr sprechen können. Nur mühselig gelang es ihm zum letzten Mal für heute, noch die zwei Worte hervorzubringen. „´Ter Kormo`!“, keuchte er, doch es wurde ihm nicht geholfen, also krümmte sich sein Körper wie immer zusammen. Er rollte sich in seinen schwarzen Umhang ein und dann überkamen ihn darunter die typischen Zuckungen. Schließlich warf er – wie schon so oft - die Arme unter dem Umhang hin und her: „Krah, krah!“, krächzte er verzweifelt und dann war er zu einem Vogel geworden. Der flatterte nun mit den schwarzen Flügeln empor, erhob sich vom Fußboden und dann flog die Krähe ins Freie durch das Fenster, dessen Gitter Jodruhul zuvor, als er noch ein Mensch gewesen war, bereits für sich geöffnet hatte.
„Krah, Krah!“, machte die Krähe und segelte elegant dahin. Die schwarze Nacht umfing sie und ihre weiße Brust leuchtete im Mondlicht.



Fortsetzung folgt:
 
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