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19 Seiten

Three Night Stand - Liebe ist simpel (Kapitel 2)

Romane/Serien · Romantisches
2



Nick war eigentlich keine besonders gläubige Person. Seine Mutter hatte ihn als Kind des Öfteren in die Kirche geschleppt, aber in dem Moment, als er dazu fähig gewesen war, selbst zu entscheiden, was er mit seiner Freizeit machte, hatten diese gelegentlichen Kirchgänge ein abruptes Ende gefunden. Dementsprechend selten betete er. Doch heute, an diesem Tag, an dem sich eine Katastrophe an die nächste zu reihen schien, tat er es. Natürlich nur innerlich, da er nicht wollte, dass seine Begleitung auch nur annähernd etwas von dem Gefühlschaos, das durch sein Inneres tobte, mitbekam.

Nick Jordan betete zum ersten Mal seit Jahren. Er betete, dass sein bester Freund so unzuverlässig wie eh und je war und einfach nicht im The Palm erscheinen würde. Er betete, dass die nächste sich anbahnende Katastrophe noch im Keim erstickt wurde. Es war von Anfang an eine dumme Idee gewesen und er selbst wäre nie darauf gekommen, Liam in dieses so wichtige erste Gespräch mit Lisa George zu involvieren. Doch Meggie hatte mal wieder einen ihrer Geistesblitze gehabt und gemeint, dass ‚diese geballte Ladung unwiderstehlichen Männercharmes, die verkrampfte, kühle deutsche Autorin so von den Socken hauen würde, dass danach bei ihr bestimmt alle Tore offen standen‘. Zumal Meggie ja auch gehört hatte, dass die junge Autorin ein großer Fan von Liam Chandler war.

„Wenn ihr ihren Panzer schon gleich am Anfang knackt, werden wir es später in den Verhandlungen sehr viel leichter mit ihr haben“, hatte Meggie gesagt, mit diesem enthusiastischen Leuchten, in den Augen, das Nick manchmal ein wenig Angst machte. „Also strengt euch an, Jungs!“

Liam war alles andere als begeistert von der Idee gewesen, dem ersten Gespräch über das neue Drehbuch beizuwohnen – vor allem, da er am Abend zuvor auf diese Party hatte gehen wollen, die ein alter Freund von ihm veranstaltete und am nächsten Morgen „dann wohl kaum so früh aufstehen konnte“.
Nick hatte ihm geantwortet, dass man mit einem starken Willen und der nötigen Disziplin so ziemlich alles hinbekommen könne, was man sich wünscht. Und im Grunde war das der Anfang dieses ganzen Dilemmas gewesen. Diese Bemerkung und der Umstand, dass er am vergangenen Abend einfach nicht er selbst gewesen war…

(Rückblick)
*Die Musik war einfach zu laut. Nick hatte nicht wahrgenommen, dass Liam durch die offen stehende Terassentür in die Wohnung gekommen und sich an ihn herangeschlichen hatte. Vielleicht lag es aber auch an dem Fakt, dass er sich bereits einen kleinen Schwips angetrunken hatte und gerade wie ein Irrer auf den Boxsack in seinem hauseigenen Fitnessraum einschlug, die Welt um sich herum dabei völlig ausblendend.
Natürlich musste sein Herz für einen Augenblick aussetzen, als er die dunkle Gestalt schräg hinter sich endlich wahrnahm, und anstatt mutig in Angriffsposition zu gehen, wie jeder richtige Kerl das eigentlich tat, wankte er mit einem peinlichen Keuchen zurück, stolperte und konnte sich nur auf den Beinen halten, weil er sich durch einen etwas verspäteten Reflex an dem Boxsack festklammerte.

„Scheiße, Liam!“ stieß er schließlich etwas atemlos aus und versuchte sich verlegen wieder in eine wenigstens halbwegs aufrechte Position zu bringen. „Willst du, dass ich einen Herzinfarkt bekomme?!“

Liam kniff ein wenig die Augen zusammen, schüttelte den Kopf und hob eine Hand an sein Ohr. „Ich versteh dich nicht!“ schrie er gegen die laute Stimme von Sully Erna, dem Sänger von Godsmack an, die durch die Boxen seiner Stereoanlage dröhnte und mit dem Song ‚Crying like a bitch‘ Nick heute so richtig aus dem Herzen sprach.

Nick wischte sich in einer verärgerten Geste mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und griff nach der Fernbedingung, die er zusammen mit seinem zusammengeknüllten Shirt zuvor auf das kleine Sofa im Raum geworfen hatte. Die Stimme von Erna wurde leise – ganz konnte Nick aber noch nicht auf sie verzichten.

„Lass mich raten“, begann Liam nun, während er in diesem für ihn so typischen lässig-coolen Gang auf Nick zukam. „Du hast Patricia irgendwo getroffen…“

Nick warf ihm einen finsteren Blick zu und begann sich mit dem Handtuch abzutrocknen, das ebenfalls auf der Couch gelegen hatte. Leider traf Liam mit seiner Vermutung genau ins schmerzhafte Schwarze.

Nick bemerkte, dass sein Freund ihn von der Seite aufmerksam musterte. „Mit neuem Anhang?“

Da war sie wieder, diese Hitze, die sofort durch Nicks Körper hinauf in seinen Verstand schoss, diesen so unangenehm betäubte und ihn zu diesem emotionalen Idioten werden ließ, der er nicht sein wollte. Nick biss die Zähne fest zusammen und vermied es, Liam anzusehen. Er legte sich stattdessen das Handtuch um den Nacken und machte sich daran die festen Bandagen, die er zum Boxen um seine Hände gebunden hatte, abzuwickeln. Er hatte jetzt nun wirklich keinen Nerv für Liams ‚kluge‘ Sprüche und unbrauchbare Weisheiten.

Doch seinem Freund schien diese Reaktion schon Antwort genug zu sein. „Oh!“ Da war echte Überraschung in seiner Stimme. „Das ging aber schnell!“

„Ach, was?!“ zischte Nick ihn an und warf wütend die erste Bandage auf die Couch.

„Wer ist es?“ hakte Liam mit dem von ihm gewohnten Mangel an Feinfühligkeit nach. „Irgendjemand, den du kennst?“

Nick wollte es nicht sagen, wollte eigentlich nicht darüber reden, doch irgendwie konnte er nicht anders. „Tom – natürlich! Wer sonst?!“

Liam hob verblüfft die Brauen. „Tom – Tom? Bester-platonischer-beinahe-schwuler-Freund – Tom… Tom?“

„Genau der! Und sie sind bereits verlobt – nach nur vier Monaten!!“ Nick schüttelte den Kopf, beförderte die zweite Bandage auf die Couch und musste auf einmal lachen, obwohl ihm gar nicht danach war. Doch Liam tat ihm den Gefallen und stimmte halbherzig mit ein.

„Meine Güte, auf was Frauen alles so zurückgreifen, um endlich unter die Haube zu kommen“, setzte er kopfschüttelnd hinzu. „Aber da siehst du wenigstens, dass es ihr gar nicht um dich ging…“

Nick starrte seinen besten Freund ungläubig an. „Danke, Li, das wertet mich und meine Persönlichkeit wirklich immens auf!“

Liam wagte es nun auch noch zu lachen. „Ach, komm schon Nick, du kennst doch selbst deinen Marktwert! Ich mein‘ damit ja nur, dass Pat und du… dass ihr eigentlich gar nicht kompatibel wart. Jedenfalls, was so eure Vorstellungen von der Zukunft angeht…“

„Woher willst du denn wissen, wie ich mir meine Zukunft vorstelle?“ knurrte Nick ihn an und zog sich nun doch einfach wieder sein T-Shirt über. Er würde wohl nicht so schnell zum Duschen kommen, solange Liam noch hier war.

„Hey!“ Liam sah ihn entrüstet an und wies dann auf seine eigene Brust. „Ich bin dein bester Freund!“

Nick schüttelt nur den Kopf und ließ sich dann mit einem tiefen Seufzer auf die Couch fallen. „Auf jeden Fall hätte ich mir nie vorgestellt, dass Patty schon nach nur vier Wochen einen Ersatz für mich findet“, seufzte er, legte den Kopf in den Nacken und starrte resigniert die Decke an.

„Also, bitte!“ stieß Liam verärgert aus. „Tommilein ist doch kein adäquater Ersatz für dich!“ Er ließ sich nun ebenfalls auf der Couch nieder, machte es sich bequem und streckte die Beine von sich. „Vielleicht geht es Patty auch nur darum, dir zu zeigen, dass andere Männer bereit sind, sehr wohl ihre Freiheit für sie aufzugeben, und keine Angst davor haben, sich fest zu binden.“

„Ich habe keine Angst davor!“ gab Nick entrüstet zurück, war sich aber dabei gar nicht so sicher, wie er tat. „Ich wollte nur nicht…“ Er brach ab, schüttelte den Kopf – dieses Mal über sich selbst. „Manchmal bin ich mir selbst gar nicht klar darüber, was ich will und was nicht. Ich meine… ich… ich habe sie geliebt. Wir haben uns wirklich gut verstanden und viel Spaß miteinander gehabt. Warum konnte ich nicht mit ihr zusammenziehen? Warum konnte ich ihr nicht ein kleines bisschen entgegenkommen? Wir hätten ja nicht gleich heiraten müssen. Das hätte sie bestimmt nicht so schnell gewollt…“

Liam hob zweifelnd eine Augenbraue. „Wie’s momentan aussieht, stand heiraten ganz fest in ihrem Plan drin…“

Nick zuckte die Schultern. „Selbst wenn – wäre das so falsch gewesen? Ich bin Mitte dreißig, Liam. Sollte ich nicht selbst langsam in diese Richtung denken?“

„Ich könnte morgen vom Auto überfahren werden – muss ich mir deswegen heute schon den passenden Sarg aussuchen?“ fragte Liam zurück und Nick war schon wieder gezwungen zu lachen, obwohl er es nicht wollte.

„Toller Vergleich“, meinte er und hob ironisch den Daumen.

„Ich find’ das trifft es ziemlich gut“, grinste sein Freund und das war wahrscheinlich nicht gelogen. Liam war einer der Männer, die der Gedanke an Ehe oder ähnliche Bindungen in Panik verfallen ließ und ihnen den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Mit ihm über solche Dinge zu reden, machte eigentlich keinen Sinn. Er hatte kein Verständnis für solcherlei Gedanken.
Also holte Nick lieber tief Atem und versuchte wieder mehr Ruhe in sein Innenleben zu bekommen, den Gedanken an Patty wegzuschieben. Doch so einfach war das nicht. Er dachte zwar nicht mehr so oft an sie, wie kurz nach ihrer so vernünftigen und doch schmerzhaften Trennung, aber sie ganz aus seinen Gedanken zu verbannen war noch nicht möglich – dazu war einfach zu wenig Zeit vergangen. Wie machte sie das? Wie konnte sie so schnell, so kurz nach ihrer Trennung einen anderen lieben, ihn sogar heiraten wollen? Schließlich waren sie länger als ein Jahr zusammen gewesen…

„Ich vermisse sie“, kam es leise über seine Lippen und der unangenehme Druck auf seine Brust, der immer dann auftrat, wenn er sich seiner Gefühle wirklich bewusst wurde, war sofort wieder da.

„Ja, aber das wird irgendwann mal aufhören“, erwiderte Liam ruhig und Nick sah ihn zweifelnd an.

„Woher willst du das wissen? Deine längste Beziehung hat drei Wochen gehalten und am Ende warst du so froh über eure Trennung, dass du eine riesige Party geschmissen hast!“

Liam nickte zustimmend und lächelte selig. „Das war ein richtiger Event! Aber – das tut hier nichts zur Sache. Ich schöpfe ja bezüglich dieses Problems gar nicht aus meinem großen Erfahrungsschatz sondern aus deinem: Du hast Tara nach eurer Trennung auch schrecklich vermisst – aber irgendwann war diese Phase vorbei und du konntest dein Leben als Single wieder richtig genießen. Bis Patty dir die Suppe versalzen hat... Au!“

Den Knuff auf den Oberarm hatte Liam verdient – selbst dass er dadurch fast von der Couch rutschte.

„Sei vorsichtig, Mann!“ beschwerte sich Liam sofort. „Mein Körper ist…“

„… dein Kapital“, beendete Nick seinen Satz. „Ja, ja, ich weiß…“

Liam richtete sich wieder auf und musterte Nick kurz mit diesem grüblerischen Blick, der nichts Gutes erahnen ließ.
„Nick, mein Freund, weißt du, was dein Problem ist?“ sagte er schließlich und Nick verdrehte sofort die Augen.

„Oh, bitte! Kommt jetzt wieder eine von diesen weltberühmten Liam Chandler Weisheiten?“ stöhnte er entnervt auf.

Doch sein Freund ließ sich davon nicht beirren. „Du nimmst die Liebe zu ernst.“

„Zu ernst?“ wiederholte Nick mit erhobenen Brauen.

„Ja. Denn Liebe ist eigentlich ziemlich simpel. Sie existiert nämlich nicht. Jedenfalls nicht in der Form, die wir uns immer wünschen.“

„So, so…“

„Das sauge ich mir nicht aus den Fingern. Das ist einfach ein wissenschaftlicher Fakt.“ Liam setzte einen sehr wichtigtuerischen Gesichtsausdruck auf, der Nick zum Grinsen brachte, auch wenn er sich eigentlich über die Worte seines besten Freundes ärgerte.

„Das Gefühl des Verliebtseins wird durch die Ausschüttung bestimmten Botenstoffe wie Dopamin, Adrenalin und Endorphin hervorgerufen, die für Euphorie, Aufregung, rauschartige Glücksgefühle und tiefes Wohlbefinden sorgen“, fuhr Liam fort. „Damit wird sichergestellt, dass die beiden Partner, die sich in diesem Zustand befinden, so oft wie möglich Sex miteinander haben, was, ohne Verhütung, garantiert irgendwann zur Zeugung eines Kindes führen würde.“

„Und damit ist der… Job dann erledigt?“ hakte Nick nach und gab sich keine Mühe vor seinem Freund zu verbergen, für wie lächerlich er diese Theorie hielt.

„Nicht unbedingt“, gab Liam leichthin zurück. „Wenn die Partner genetisch gut zusammenpassen, wird die Natur es so einrichten, dass sie einander für längere Zeit ‚lieben‘…“ Liam machte ein paar Gänsefüßchen in die Luft, um noch einmal nonverbal zu demonstrieren, was er von diesem Begriff hielt.

„… damit sie noch mehr starke Nachkommen in die Welt setzen“, schloss Nick schmunzelnd. „Ich verstehe.“

„Das heißt im Grunde genommen für dich, mein Lieber“, fuhr Liam enthusiastisch fort, „dass du dir die ganze Sache mit der Liebe ganz einfach machen kannst. Verlasse dich auf deine Instinkte. Wenn du dich zu einer Frau hingezogen fühlst, schlafe mit ihr. Wenn du danach das Gefühl hast, noch mehr Zeit mit ihr verbringen zu müssen, dann schlaf weiter mit ihr – bis das Gefühl wieder weg ist. Denn irgendwann wird es so sein. Die beste Waffe gegen diese trügerischen tiefer gehenden Gefühle ist Sex – glaube mir! Vögel die Liebe einfach weg. Das geht wirklich. Dein Körper denkt irgendwann, dass er die Frau ausreichend befruchtet hat und du wirst staunen, wie schnell diese ganzen, angeblich tiefen Empfindungen für sie verschwunden sind…“

Dieses Mal konnte Nick nicht mehr lachen. Das, was Liam ihm da erzählte, war einfach nur traurig – vor allem da sein Freund wirklich daran zu glauben schien. Und es gab noch etwas anderes, was die Komik an der Geschichte verschwinden ließ: Ganz tief in seinem Inneren fragte sich Nick, ob nicht doch ein Hauch von Wahrheit in dieser Theorie zu finden war. Er schämte sich fast dafür, aber er konnte nichts dagegen tun.

„Willst du mir damit sagen, dass meine Beziehung mit Patty deswegen in die Brüche gegangen ist, weil wir zu wenig Sex hatten?“ fragte er mit zweifelnd erhobenen Brauen.

„Na, ja – wenn ich mich recht erinnere, hast du manchmal ganz schön gelitten, weil sie nicht so wild auf Sex war, wie Mann es sich eigentlich wünscht“, erwiderte Liam und Nick wich sofort seinem Blick aus.

Er hatte sich nicht wirklich bei Liam über seine Freundin beschwert, aber Liam und er kannten sich schon so lange, dass sie ziemlich oft und sehr offen über solche Themen miteinander sprachen. Als sie noch jünger gewesen waren, hatten diese Gespräche etwas ziemlich prahlerisches an sich gehabt – vor allem, wenn es um neue Eroberungen gegangen war. Mittlerweile dienten sie wirklich zum Austausch von neuen Erfahrungen oder gar der Besprechung von Problemen und hatten eine deutliche ernstere Note gewonnen.

„Ich denke, Frauen wissen ganz genau, dass sie ihre Männer schneller verlieren, wenn sie zu viel Sex mit ihnen haben“, setzte Liam hinzu. „Die tricksen uns aus, weil sie uns für die Brutpflege und Absicherung brauchen. Aber so treu wie sie immer tun, sind sie auch nicht. Kommt nämlich ein besseres Männchen daher, können sie ganz schnell weg sein.“

Nun musste Nick doch wieder lachen. „Du strickst dir die Welt wirklich sehr einfach, Li.“

„Sie ist einfach!“ gab Liam mit Nachdruck zurück. „Liebe ist simpel, Nick. Wirklich! Und du solltest sie auch so nehmen.“

„Und was soll das jetzt für meine Situation heißen?“ fragte Nick, ohne die Antwort ernsthaft hören zu wollen.

„Dass du deinem Körper sagen musst, dass die Befruchtungsphase mit Patty abgeschlossen ist“, grinste Liam.

„Lass mich raten: das mache ich am besten, indem ich Sex mit einer anderen Frau habe!“

„Hey…“ Liam knuffte ihn mit einem breiten Grinsen in die Seite. „Du hast ja heute tatsächlich etwas gelernt. Und weißt du, was? Wir werden das gleich in die Tat umsetzen!“

„Wie?“ grinste Nick. „Hast du in weiser Voraussicht gleich einen deiner Groupies mitgebracht?“

Liam schnitt ihm eine Grimasse, grinste dann aber zurück. „Nein. Du gehst jetzt duschen, stylst dich und dann gehen wir zusammen auf Hanks Party.“

„Oh, nein, nein, nein, ich hab morgen das erste Treffen mit dieser schwierigen Autorin“, widersprach Nick ihm vehement. „Da kann ich mir keine wilde Nacht mit Alkohol und Sex leisten.“

„Das Treffen ist doch erst am Nachmittag!“ warf Liam sofort ein. Mist – er hatte aufgepasst. „Bis dahin bist du mit ein paar Kaffees wieder Ruck-Zuck auf den Beinen!“

„Und wenn nicht?“

Liam legte ein wenig den Kopf schräg und betrachtete ihn nachdenklich. „Pass auf – wenn du heute mit auf die Party kommst, komme ich morgen auch zu dem Treffen mit ‚Miss Eisberg‘ mit und setzte all meinen Charme ein, um sie zum Schmelzen zu bringen. Dann hast du es in Zukunft ganz einfach mit ihr zu arbeiten. Einfach nur Liam rufen – und es läuft wie geschmiert!“

„Weil du ja auch nach einer durchzechten Nacht besser aus dem Bett kommst als ich!“ erwiderte Nick. „Das funktioniert niemals.“

Liam runzelte die Stirn und bekam diesen sturen Blick, der nichts Gutes verhieß. Er musterte Nick ein weiteres Mal.
„Gut dann machen wir es anders“, sagte er schließlich. „Du nimmst heute Nacht meinen Part ein und ich den deinen.“

Auch Nicks Stirn legte sich nun in Falten. „Wie meinst du das?“

„Ich bleibe hier und ziehe mir einen Nicolas-Jordan-Ex-Freundin-Gedächtnistag rein – was heißt mit Bier und Chips vor dem Fernseher zu sitzen und so früh ins Bett zu gehen, dass ich garantiert in den frühen Morgenstunden wieder wach bin, um dich rechtzeitig für das Treffen zu wecken. Und du gehst an meiner Stelle auf Hanks Party und lässt für mich die Sau raus. Und wenn ich ‚die Sau rauslassen‘ sage, dann meine ich das auch – klar?“

Das Angebot war verlockend. Endlich mal wieder Spaß haben und Patty für einen Abend zu vergessen, im Tausch dafür, dass Liam sogar am morgigen Tag mit zu dem Treffen kam… eigentlich konnte Nick hier nur gewinnen. Und Meggie hatte gesagt, dass diese Lisa George ein großer Fan von Liam war. Seine Anwesenheit bei dem Gespräch konnte tatsächlich von großem Vorteil für sie alle sein – wenn Liam sich zu benehmen wusste. Die meisten Frauen schmolzen wie Butter in der Sonne, wenn sie Mr. Superstar persönlich kennenlernen durften. Dennoch zögerte Nick noch ein wenig.

„Ich weiß nicht, Li, eigentlich bin ich zu alt für so ‘nen Scheiße“, wandte er ein. „Ich kann das nicht mehr!“

„Wie war das nochmal mit dem Willen und der nötigen Disziplin?“ Liam hob die Brauen und grinste von einem Ohr zum anderen. Er wusste ganz genau, dass er damit den richtigen Knopf drückte, um Nick endgültig zu überreden.
Es war doch ein Kreuz mit diesem schrecklichen Ehrgeiz!*
(Rückblick Ende)


„Wie… wie genau, soll das denn jetzt alles vonstatten gehen?“ wurde Nick von der Stimme der Frau aus seinen Erinnerungen gerissen, in deren Hand momentan seine ganze zukünftige Karriere lag. Er versuchte sich rasch wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Es war bereits zwanzig nach drei und langsam wurde es recht unwahrscheinlich, dass Liam noch auftauchte.

Im Grunde war die Idee ihn mit einzuladen, um Miss George besser um den Finger wickeln und weichkochen zu können, ja gar nicht so schlecht gewesen. Nur im Zusammenhang mit dem, was in der Nacht passiert war, und der Tatsache, dass Nick sich von seinem besten Freund bei ihrem Telefonat am Morgen bereits ein paar pikante Details aus der Nase hatte ziehen lassen – geriet diese Idee zu einer mittelschweren Katastrophe. Denn wenn Liam eines nicht konnte, dann war das seine Klappe über solche Dinge zu halten, geschweige denn es aushalten, dass er noch nicht alles über diesen One-Night Stand wusste. Er würde versuchen weitere Dinge in ihrem Gespräch zu erfahren, verpackt in Umschreibungen, die keine anderer, der nicht eingeweiht war, verstehen konnte. Nur hatte er nicht die blasse Ahnung, dass die – wie hatte er es ausgedrückt? Ah ja – ‚Sexgranate‘ hier mit ihnen an diesem Tisch sitzen würde und somit zu dem erlesenen Kreis der Mitwissenden gehörte.

Genau aus diesem Grund war Nick zum ersten Mal seit Beginn ihrer langjährigen Freundschaft dankbar für Liams Unzuverlässigkeit. Er begann sich etwas zu entspannen, lehnte sich nun in seinem Stuhl zurück und schenkte der jungen Autorin seine volle Aufmerksamkeit.

„Hast du nicht schon mit Megan am Telefon über alles gesprochen?“ fragte er zurück.

Lisa runzelte die Stirn. „Megan?“

„Miss Eiry, vom Management von TFP“, erklärte Nick rasch und Lisa setzte dieses ‚Ah!‘- Gesicht auf.

„Ich erinnere mich“, sagte sie und begann sich nun ebenfalls mehr zu entspannen. Ihre Gesichtsfarbe war nicht mehr ganz so kräftig und sie wagte es nun auch, sich in ihrem Stuhl zurückzulehnen „Ich habe sie angerufen, als ich L.A. eingetroffen bin, um sie darüber zu informieren, dass ich doch ein wenig früher angereist bin als abgesprochen. Sie hatte nicht wirklich viel Zeit und meinte, sie würde dir bescheid sagen und unser Treffen einfach vorverlegen. Du würdest mir dann alles weitere noch genauer erklären.“

Na, wunderbar! Megan war wirklich eine Künstlerin darin, die unangenehmeren, anstrengenderen Dinge an andere weiterzugeben.

„Gut.“ Nick räusperte sich etwas unbeholfen. Es fiel auch ihm noch nicht wirklich leicht, in der Frau vor ihm, die schwierige, kühle Autorin und zähe Geschäftspartnerin zu sehen, die man ihm geschildert hatte, und nicht die lebensfrohe, süße, warmherzige und unglaublich anziehende Frau, die ihm gestern Nacht eines der sinnlichsten, aufregendsten und zügellosesten sexuellen Erlebnisse in seinem ganzen Leben beschert hatte. Er war zwar ziemlich betrunken gewesen, aber nicht betrunken genug, um nicht mehr mitzubekommen, was er tat oder, wie in diesem Fall, jemand mit ihm tat.

*Sie beugte sich zu ihm hinunter, während sie ihr Becken so aufreizend vor und zurück, rauf und runter bewegte… Ihre Lippen pressten sich auf die seinen, erstickten sein tiefes Stöhnen und er packte ihre Hüften, drängte sie dazu, sich noch rascher zu bewegen…*

Nick schloss kurz die Augen, schüttelte den Kopf. „Ich…“ Zur Hölle, so funktionierte das mit ihnen garantiert nicht! Er musste das alles vergessen – ganz dringend!

Er zwang sich dazu, die nun etwas verwirrt aussehende junge Autorin wieder anzusehen. „Was genau hat man dir denn vor der Abreise über mich gesagt?“ fragte er einfach.

Sie dachte einen Augenblick nach, strich sich dabei eine Strähne ihres blonden Haares hinter das Ohr. Sie war wirklich hübsch. Große, blaue Augen, die von langen Wimpern umrahmt wurden, eine niedliche Nase, volle rosige Lippen… sehr feminin. Und sie wirkte alles andere als kühl. Es war ja gerade ihre Natürlichkeit und Wärme gewesen, die ihn gestern Nacht so angezogen hatte – abgesehen von diesem kurvigen, super weiblichen Körper, der in diesem Nichts von Kleid gesteckt hatte. Er war sich sicher, dass er nicht der einzige Mann auf der Party gewesen war, dem seine Hose in ihrer Nähe schnell unangenehm eng geworden war.

„Na, ja“, meinte sie jetzt und befreite ihn damit glücklicherweise ein weiteres Mal aus seinen so unpassenden Gedanken. „Dass… dass man dich ins Boot geholt hat, um die alten Drehbuchautoren beim Nachdreh des zweiten Films zu unterstützen, beziehungsweise abzulösen. Du… sollst ziemlich gut sein. Sie haben mir von deinen anderen bisherigen Arbeiten berichtet. Und ich war wirklich beeindruckt.“

„Ja? Kanntest du die Filme?“

„Ein paar.“ Sie lächelte und er konnte tatsächlich so etwas wie Achtung für seine Arbeit in ihren Augen aufleuchten sehen. „Und die Folge ‚Leere Welt‘ bei ‚Watchers‘ war eine meiner Lieblingsfolgen.“

„Ja?“ Wie einfallsreich! Er hatte es heute wirklich drauf mit der Gesprächsführung!

Lisas Wangen röteten sich etwas und sie berührte verlegen ihr Wasserglas, schob es ein wenig hin und her. „Eigentlich habe ich mich nur dazu bereit erklärt, hierherzukommen und Timeless Films Production eine weitere Chance zu geben, weil sie dich als neuen Drehbuchautoren vorgeschlagen haben und versprochen haben, dieses Mal darauf zu achten, sich mehr an die Vorlage – also meinen Roman – zu halten.“

„Die Verträge hast du aber trotzdem noch nicht unterschrieben“, setzte Nick mit einem kleinen Schmunzeln hinzu, das Lisa sofort erwiderte.

„Natürlich nicht“, sagte sie und da war so ein Funkeln in ihren Augen, das ihm sagte, dass mit dieser sonst so sympathischen jungen Frau, in mancherlei Hinsicht tatsächlich nicht zu spaßen war. „Erst das Drehbuch – dann die Unterschrift. Und mit Jasper Taylor werde ich ganz bestimmt nicht mehr zusammenarbeiten – auch nicht bei der Nachbearbeitung von ‚Schattenmond‘.“

Sie schüttelte so nachdrücklich ihren Kopf, dass Nick schon wieder zu schmunzeln anfing. Jasper, der alte Drehbuchautor, war ein arrogantes, selbstverliebtes Arschloch, der meinte, dass alles, was er verzapfte, pures Gold war. Er hatte so damit angeben, dass er die Drehbücher zu dieser Bestsellerreihe schreiben würde und dabei einen solchen Mist geschrieben, dass selbst beim ersten Film mehrere andere Drehbuchautoren eingesetzt worden waren, um zu retten, was noch zu retten ging. Herausgekommen war im Endeffekt ein Film, der von den Kritikern zerrissen, aber dank der treuen und sehr viel gnädigeren Fans der Reihe an den Kinokassen dennoch nicht gefloppt war. Er hatte zumindest die Kosten der Produktion wieder eingespielt und die Firma hatte sich bei dem zweiten Teil gleich sehr viel mehr Mühe gegeben. Leider war Jasper ein Cousin des Produzenten und war von daher nicht völlig aus dem Projekt entfernt worden – was die Autorin der Romanreihe beinahe rasend gemacht hatte.

Sie hatte den ersten Film gehasst und war mit Jasper telefonisch so aneinander geraten, dass die beiden seither kein Wort mehr miteinander gewechselt hatten und Lisa George es abgelehnt hatte, ihre Romane – immerhin schrieb sie gerade am vierten Teil und sechs sollten es werden - weiterhin von TFP verfilmen zu lassen. Der erste von ihr unterschriebene Vertrag hatte nur die Verfilmung von Teil eins und zwei beinhaltet und so war die Firma arg ins Schwitzen gekommen und hatte alles daran gesetzt, Miss George wieder gnädig zu stimmen und zu neuen Verhandlungen zu bewegen. Aber noch war nichts in trockenen Tüchern und die Anspannung, die auf allen Beteiligten lastete, immens hoch. Dasselbe galt für den Druck, den man Nick vor Lisas Eintreffen von allen Seiten gemacht hatte.

„Das lässt sich ganz bestimmt einrichten“, erwiderte Nick nun. „Aber ich kann dir nicht versprechen, dass er dir nicht begegnen wird.“

Lisa verzog das Gesicht und Nick lachte.

„Keine Angst – ich werde mich darum bemühen, dass eure Begegnungen nicht länger als ein paar Sekunden dauern werden“, versprach er rasch.

„Dann bist du also auch so etwas, wie mein persönlicher Bodyguard?“ Sie hob fragend die Brauen – eine Mimik, die er in der letzten Nacht ziemlich oft gesehen hatte.

„Bodyguard, Stadtführer, Vermittler, Kollege“, zählte er lächelnd auf und verkniff sich ein neckisches ‚Gelegenheitslover‘. Sie waren noch nicht so weit, um darüber Witze zu machen. Vielleicht irgendwann, in ein paar Tagen, wenn sie überwunden hatten, dass ihnen genau das passiert war, was einem bei einem ordentlich ablaufenden One-Night Stand eigentlich nicht passieren durfte: Sich wiederzusehen und auch noch miteinander arbeiten zu müssen. Dabei hatten sie sich beide solche Mühe gegeben, um gerade diesen Punkt besonders gut hinzubekommen. Sie, indem sie am Morgen nach dem Aufwachen das Hotelzimmer so schnell wie möglich verlassen hatte, und er, indem er sich einfach schlafend gestellt und die Augen geschlossen gehalten hatte, solange sie im Zimmer gewesen war – die meist Zeit jedenfalls…

Viel Zeit, um weiter über ihren zukünftigen Umgang miteinander nachzudenken, blieb Nick jedoch nicht mehr. Es war Musik, die ihn kurz vorwarnte, dass die nächste Katastrophe sich doch noch entschieden hatte, einzutreffen. Das dumpfe, rhythmische Dröhnen eines Autoradios, das rasch näher kam. TNT von ACD, wie Nick rasch erkannte, als er mit einem kurzen Blick aus dem Fenster zu seiner Linken, den knallroten Maserati vor dem Garteneingang des Restaurants halten sah und nur ganz am Rande wahrnahm, wie Lisa ein amüsiertes „So vielseitig?“ auf seinen Kommentar zurückgab..

Ein paar der Passanten – gut, alle Passanten drehten sich um, um zu schauen, wer sich da um einen großen Auftritt bemühte. Es gab drei Gruppen: die, die hofften, dass es jemand Berühmtes war, auf dass sie ein paar Fotos schießen konnten. Die, die fürchteten, dass es jemand Bekannteres als sie selbst sein könnte und schließlich die, die eigentlich ihre Ruhe haben und nur sehen wollten, wer es war, der diese störte.

Und dann stieg Liam aus, selbstbewusst lächelnd und in einer lässigen Bewegung seine Sonnebrille auf der Nase platzierend – ganz der Superstar, der sich seines Bekanntheitsgrades vollkommen bewusst war und es durchaus genoss, alle Blicke auf sich zu ziehen. Die ersten Blitzlichter derer, die eine Kamera parat hatten – und das waren hier in Hollywood viele - flackerten bereits auf, als er beinahe hoheitsvoll durch das kleine Tor des am Restaurant anliegenden Gärtchens schritt und folgten ihm auf seinem Weg hinüber zum Eingang des The Palm.

Neben Nick ertönte ein ungläubiges Keuchen. „Das… Ist das Liam Chandler?“

Er sah Lisa an, die auf einmal ganz blass geworden war und mit großen Augen jede Bewegung Liams dort draußen verfolgte. Es überraschte Nick etwas, denn irgendwie hatte er nicht mit einer solch heftigen Situation ihrerseits gerechnet. Der hysterische Fan passte so gar nicht zu ihr und er musste sich wirklich anstrengen nicht genervt die Augen zu verdrehen.

Leider geriet sein Tonfall, als er ihr antwortete, viel zu grummelig. „Ja, das ist Liam Chandler. Und ja, er wird jetzt hier hereinkommen.“

„Zu… zu uns?“

Nick hatte es nicht für möglich gehalten, aber Lisas Augen wurden tatsächlich noch ein wenig größer. „An unseren Tisch?“

Nick zog die Brauen zusammen, mit dieser gefährlichen Mischung aus Unbehagen und wachsender Verärgerung in seinem Inneren kämpfend. Was war nur mit ihm los?

„Du weißt doch, dass er die männliche Hauptrolle im Film spielen wird, oder?“ sagte er nun schon etwas sanfter.

Sie schluckte sichtbar und nickte dann.

„Dann musst du doch auch damit gerechnet haben, ihm irgendwann mal zu begegnen“, fuhr Nick fort und sein eigener Herzschlag begann sich nun ebenfalls zu beschleunigen, weil Liam soeben die Tür geöffnet hatte und eintrat. Das alles konnte einfach nicht gut gehen!

„Ja… ja, ich… natürlich.“ Lisas Brust hob und senkte sich unter dem tiefen Atemzug, den sie nahm. Dann straffte sie die Schultern, schien sich darum zu bemühen, ihre Fassung wiederzugewinnen. Eigentlich war das eine gute Idee – das mit der Fassung wiedergewinnen. Sein Gefühlsmix war wirklich seltsam. Aber warum mussten die Frauen auch immer so ausflippen, wenn irgendeiner ihrer Lieblingsschauspieler auftauchte?

„Ich… ich bin nur etwas überrascht – das ist alles“, log Lisa ihm nun auch noch ins Gesicht und richtete rasch ihre Bluse. Wenn er sich nicht täuschte, warf sie sogar kurz noch einen Blick auf ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe. So schnell wurde man von einer erfolgreichen Bestsellerautorin zu einem kleinen Mädchen.

‚Nicht den Kopf schütteln, Nick‘, mahnte er sich schnell, weil es genau das war, wonach ihm momentan war. ‚Sei nett zu ihr. Ärgere dich nicht. Es gibt gar keinen Grund dafür. Das ist doch genau die Reaktion, die sich alle von Liams Auftauchen erhofft haben. Du solltest dich eher freuen.‘

Liam hatte ihn schnell entdeckt und kam nun auf sie zu, ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Lisa dreht sich von ihm weg, sah Nick an und und ihr Lächeln wirkte auf einmal schrecklich verkrampft.

„Warum kommt er her?“

„Weil er dich kennenlernen wollte“, gab Nick zurück und musste zu seiner Verwunderung feststellen, dass Lisa sich darüber keineswegs zu freuen schien. Ihr Lächeln erstarb und sie wurde noch etwas blasser.

„Heute?“ krächzte sie und Nick spürte irgendwie, dass sie sich mit diesem Gedanken genauso unwohl fühlte, wie er selbst.
Sein nächstes Nicken geriet von daher schon etwas zögerlicher.

„Liam… Liam ist Li, dein bester Freund, oder?“ hakte Lisa leise nach und Nick stockte.

Hatte er ihr gestern Nacht von Liam erzählt? Ganz dunkel glommen Erinnerungen an ihre Gespräche in ihm auf. Sie hatten viel geredet. Erstaunlich viel. Und auf einmal verstand Nick, woher Lisas Unbehagen rührte. Sie befürchtete, dass Liam und er sich bereits über gestern Nacht ausgetauscht hatte – zu Recht. Und wenn Liam jetzt auch nur eine Andeutung machte… Nick wurde schlecht.

„Haben wir heute nicht ein wundervolles Wetterchen?!“ ertönte Liams fröhliche Stimme und Nick sah ihn rasch an, versuchte ihm mit nur einem drängenden Blick klarzumachen, dass… ja, was eigentlich? Das, was er ihm sagen wollte, ließ sich einfach nicht mit einem Blick ausdrücken!! Dennoch versuchte er es. Liam musste wenigstens begreifen, dass etwas nicht stimmte, dass er aufpassen musste! So viel Verstand musste er doch haben!

Tatsächlich runzelte sein Freund ein wenig die Stirn, bevor er sich Lisa zuwandte, die Sonnenbrille abnahm und ihr mit einem charmanten Lächeln die Hand reichte. „Hi! Ich bin Liam und Sie müssen Miss Lisa George sein. Ich darf doch Lisa, sagen oder?“

„Ja, natürlich“, gab sie mit einer Piepsstimme zurück, die Nick erstaunt blinzeln ließ, und lachte albern.

„Nick hat dir doch gewiss schon gesagt, dass ich heute ebenfalls zu dem Gespräch kommen werde, oder?“ fragte Liam und ließ sich sogleich auf dem noch freien Stuhl an ihrem Tisch nieder.

„Das muss er wohl vergessen haben“, erwiderte Lisa und ihr Lächeln in Nicks Richtung war zu liebenswürdig um ernst gemeint zu sein. Er konnte deutlich spüren, wie verärgert sie in Wirklichkeit darüber war, so unvorbereitet auf Liam zu treffen.

Dieser sah ihn an und der mitleidige Blick, den er dabei aufsetzte, ließ Nicks Puls sofort schneller werden und seinen Magen verkrampfen. Doch er konnte nicht mehr verhindern, dass Liam aussprach, was ihm auf der Zunge lag. „Wir müssen nachsichtig mit Nicolas sein“, sagte er. „Er sieht aus, als hätte er heute Nacht nicht wirklich viel geschlafen…“

Lisas Augen wurden wieder ein wenig größer und alles Blut wich aus ihren Wangen, nur um bei Liams nächsten Worten dann umso stärker wieder in ihr Gesicht zu schießen.

„Wenn ich ehrlich bin, siehst du eher aus, als wärst du in einen Hurrikan geraten, mein Lieber“, meinte Liam mit einem Lächeln, das nur allzu deutlich verriet, dass seine kleine Metapher eigentlich für etwas ganz und gar nicht Anständiges stand. „Wie war denn die Party gestern?“

Lisa senkte sofort den Blick, ließ ihr Haar über ihre langsam aber sicher glühend rot werdenden Wangen fallen.

„Ganz toll“, gab Nick rasch zurück. „Aber ich denke, es würde Miss George nur langweilen, wenn ich jetzt darüber berichten würde…“

„Kommt ganz darauf an, ob sich auf der Party etwas Interessantes ereignet hat oder nicht“, grinste Liam und Nick konnte ihm ansehen, welchen Spaß sein Freund daran hatte, ihn damit ein wenig zu ärgern. Wahrscheinlich war er nur aus diesem Grund hier aufgetaucht.

„Nicht wahr, Lisa?“ musste er nun auch noch hinzusetzen und Lisa bemühte sich tapfer darum, ihn anzulächeln, während sie den Kopf schüttelte.

„Ich bin nicht so ein Partygänger“, erklärte sie mit dünner Stimme.

Liam hob die Brauen. „Nicht? Mal so richtig abtanzen, sich antüddeln, flirten, Spaß haben – auf welche Weise auch immer?“

Sie schüttelte weiter lächelnd den Kopf und sah dabei so unglücklich aus, dass Nick angst und bange wurde. Er musste irgendetwas tun, bevor sie noch aus lauter Schamgefühl die Flucht ergriff.

Er räusperte sich laut. „Du siehst hungrig aus, Li“, meinte er. „Und Lisa und ich haben auch noch nichts zu essen bestellt. Vielleicht sollten wir das jetzt einfach tun.“

„Also, ich hab‘ gut gefrühstückt“, gab Liam mit einem Schulterzucken zurück und sah dann Lisa fragend an.

Die junge Autorin hatte sich so an ihrem Wasserglas festgekrallt, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Doch es gelang ihr immer noch, zu lächeln. „Ich… ich hab‘ auch keinen richtigen Hunger“, stammelte sie und schon grinste Liam wieder zu Nick hinüber.

„Aber tu dir keinen Zwang an, Nick“, meinte er und zwinkerte ihm kurz zu. „Du solltest dir ruhig eine ordentliche Portion zu futtern besorgen – möglichst mit viel Eiweiß, damit du wieder zu Kräften kommst, nach der anstrengenden Nacht…“

Nick konnte nichts dagegen tun. Sein Bein schoss reflexartig nach vorn und traf sein Ziel mit voller Wucht.

„Au!“ Liam wagte es doch tatsächlich ihn mit einer Mischung aus Irritation und Empörung anzusehen und rieb sich viel zu auffällig das Bein, sodass es Nick kaum wunderte, dass Lisa sich auf einmal erhob. Vorbei! Jetzt würde sie gehen und Nick verlor den besten Job, den er seit langem hatte an Land ziehen können.

„Ich… ich muss mich mal kurz frisch machen gehen…“

Nick stutzte, blinzelte die junge Frau vor sich perplex an, die sich mit einem weiteren bemüht freundlichen Lächeln umwandte und dann tatsächlich nur eilig auf die Toilette zulief. Der Ausgang lag in einer anderen Richtung.

„Warum trittst du mich?!“ hörte er Liam neben sich fragen und Nicks Kopf flog so schnell zu ihm herum, dass Liam tatsächlich ein wenig vor ihm zurückzuckte.

„Was ist in dich gefahren, Mann?!“ schnauzte Nick ihn an. „Willst du, dass die Produktion hier und heute eingestellt wird?!“

„Heey, komm mal wieder runter, Nicki“, gab Liam verständnislos zurück. „Ich neck’ dich doch nur ein bisschen. Und sie wird ja wohl kaum verstehen, auf was ich hier anspiele.“

„Oh, doch!“ Nick sah ihn vielsagend an, doch Liam schien ihn immer noch nicht zu verstehen.

„Wie denn? Ich verschlüssle doch alles wie immer!“

Nick sagte nichts, verstärkte nur die Eindringlichkeit seines Blickes und die ersten Funken der Erkenntnis zeigten sich in den Augen seines besten Freundes.

„Nein.“

„Oh, doch!“

„Nein!“ Liams Hand fuhr vor seinen Mund und seine Augen wurden ganz groß.

„Wehe du lachst jetzt auch noch!“ knurrte Nick, weil da bereits dieses verräterische Funkeln in Liams Augen war. „Liam!“

Das erste Prusten ertönte, gedämpft durch die vorgehaltene Hand.

Nick beugte sich drohend zu ihm vor. „Das ist nicht zum Lachen!“

Natürlich sah sein Freund das ganz anders und prustete nun erst recht los. „Oh, doch“, grunzte er. „Das ist es!“ Er wagte es sogar, sich vor Lachen auf die Schenkel zu schlagen und rang nach Atem. „Mein Gott, Nick… Wie machst du das immer? Du steuerst von einem Schlamassel in den nächsten.“ Er wischte sich die nicht existenten Lachtränen aus den Augenwinkeln, während Nick innerlich vor Wut beinahe kochte.

Liam hatte gut lachen. Er war momentan einer der begehrtesten und bekanntesten Schauspieler in Hollywood und konnte sich diverse Ausrutscher leisten. Doch Nick als weniger erfolgreicher Schriftsteller und Drehbuchautor war von guten Aufträgen abhängig.

„Okay“, meinte Liam jetzt und atmete einmal tief ein und wieder aus. „Es tut mir leid. Ich wusste das nicht. Ich meine, wie soll man auch auf so etwas kommen…“ Er hielt inne und Nick verdrehte die Augen, bevor Liam erneut in schallendes Gelächter ausbrach.

„Ich… ich hab’s gleich“, gluckste er und hatte nun wirklich schon Tränen in den Augen. „Gleich…“

Für einen kurzen Moment fragte sich Nick, ob er vielleicht auch die Örtlichkeiten aufsuchen sollte, um sich ein wenig ‚frisch zu machen‘. Was er dann zuhause erledigen würde. Einfach ab durchs Toilettenfenster und die Kurve gekratzt, um dieser beinahe unerträglich peinlichen Situation zu entgehen. Liam würde die Rechnung schon begleichen. Er selbst wäre dann zwar seinen Job los, aber darüber brauchte er sich keine Gedanken zu machen. Er würde sich über überhaupt nichts mehr Gedanken machen müssen, weil Meggie ihn aufspüren und killen würde. Nicht mit Waffen – zumindest nicht mit herkömmlichen. Sie würde ihn einfach aus ihren stechend grünen Augen anstarren und er würde in einer Flammwolke zu Staub zerfallen. Wie ein Vampir in einer dieser Serien.

Vampir… Serie … Buchserie … Verfilmung … - okay, er war wieder da. Gerade rechtzeitig, denn da hinten kam Miss George schon wieder aus der Tür zu den Toiletten. Im Gegensatz zu den meisten Männern war er nicht darüber erstaunt, wie sie es in der kurzen Zeit geschafft hatte, wieder ganz entspannt und gerade erst dem Beautysalon entsprungen zu erscheinen. Die Kosmetikindustrie bot eine unglaubliche Menge an kleinen Helfern und sicher nahm ihr Kosmetiktäschchen die Hälfte ihrer eigentlichen Tasche ein – Liam ging niemals ohne Makeup-Notfall-Köfferchen aus dem Haus. Es lagerte hinten im Kofferraum seines jeweiligen Wagens und war – Achtung! – mit einem eigenen kleinen Kühlaggregat versehen, weil seine teuren Cremchen und Stiftchen und Pästchen keine allzu große Hitze vertrugen. Ungewöhnlich war das nicht. Das hier war Hollywood und Liam mit seinen Methoden zur männlichen Schönheitspflege nachweislich keine Ausnahme! Selbst Nick hatte durch Liams fachkundige Unterstützung schon vor einiger Zeit festgestellt, dass auch ‚Mann‘ heutzutage nach einer durchzechten Nacht nicht gezwungen war, wie der Tod auf Latschen auszusehen. Er hatte zumindest einen Concealer im Handschuhfach, gleich neben einer Tube Feuchtigkeitscreme. Liam zog ihn gerne mit den unzulänglichen Lagermethoden auf. „Eines Tages wird es entweder in die Luft fliegen oder Dein Gesicht grün färben und zwar nicht aufgrund falscher Lagerung – aus Rache! Wenn es eine Schutzorganisation für Kosmetika gäbe, wärst Du ganz oben auf ihrer Abschussliste, mein Lieber.“

Sein Freund, der sich nun doch endlich wieder im Griff hatte, straffte die Schultern, setzte sich gerade hin und nickte Nick kurz zu. Doch dieses süffisante Lächeln, das er auf den Lippen trug, und die Art, wie er Lisa nun ungeniert von oben bis unten musterte, gefiel Nick überhaupt nicht.

„Liam – reiß dich zusammen!“ zischte er seinem Freund zu. „Wenn du so weiter machst, sind wir bald beide unseren Job los!“

Liam hob beschwichtigend eine Hand. „Lass mich nur machen, Nicki. Ich hab’ meine Fans im Griff…“

„Sie ist aber nicht nur irgendein Fan“, raunte Nick ihm angespannt zu. Nur noch wenig Meter, dann war sie wieder in Hörweite! „Wir brauchen sie. Sie soll sich mit uns wohlfühlen und nicht darüber nachdenken, wie sie auf dem schnellsten Weg zurück nach Deutschland kommt!“

„Ist ja gu-ut“, gab Liam zurück, ohne sein provokantes Grinsen abzustellen, und fixierte Lisa bereits wieder.

„Nein, nicht ‚ist ja gu-ut‘“, knurrte Nick zurück. „Du nicht benehmen – wir tot! Du verstehn?“

Liam rang sich dazu durch, ihn noch einmal anzusehen und das anzügliche Grinsen wurde tatsächlich zu einem milden Lächeln, bevor er brav nickte. Dann setzte er das auf, was einem Pokerface gar nicht einmal so unähnlich war – wenn man von dem auffällig-unauffälligen ‚Ich versteeehe‘-Zwinkern absah. Gottseidank dauerte es nur solange, bis er sich zu Lisa umwandte, die schon viel zu nah heran war.
Nick nahm noch einmal einen tiefen Atemzug und sammelte all sein Kräfte. Er würde diese brauchen, um alles wieder so ins Lot zu bringen, dass Miss George die Staaten nach diesem Gespräch nicht sofort wieder fluchtartig verließ.
 
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Kommentare  

@Michael: Danke für die lieben Worte. Dass du Liam nicht magst, können wir die nicht verübeln. Er benimmt sich zumindest in diesem Kapitel nicht besonders gut. Ob Nick und Lisa wirklich gut zusammenpassen wird man im Verlauf der Geschichte sehen ;0) Mögen tut man die beiden, oder?

Ina Linger (08.09.2011)

Auch ich finde dieses Kapitel wieder hochinteressant und spannungsbeladen zugleich. Ich trage die Überzeugung, dass Lisa und Nick ganz gut zueinander passen.
Nur diesen Liam finde ich äußerst unsympathisch. Doch sitzt er als ein Star Hollywoods an den Hebeln der Macht, was Nick leider (noch?) nicht vergönnt ist.
Kommt es vielleicht sogar notgedrungen zu diesem Three Night Stand???
In geniale Worte hast du diese Handlung gefasst, was ich supertoll finde.
LG. Michael


Michael Brushwood (06.09.2011)

Hallo Ingrid! Schön zu sehen, dass du zu meinen Mitlesern gehörst. Und danke für deine lieben Worte. Solche Art Kommentare sind immer ungemein motivierend! Was deine Frage angeht... Ganz vielleicht könnte der Titel tatsächlich auf irgendetwas schließen lassen... *breit grinst*

Ina Linger (01.09.2011)

ich lese auch mit, ist wirklich gut geschrieben und auch spannend und interessant. der titel 'three night stand', lässt der auf irgendwas schließen? ;-)

Ingrid Alias I (01.09.2011)

Schön, dass dir Liam so gut gefällt, Doska. Uns macht es auch sehr viel Spaß ihn zu schreiben und es werden noch eine lustige Szenen mit ihm und Nick oder auch Lisa kommen. Und natürlich muss sich auch Lisa irgendwie an ihn gewöhnen und bei ihm durchsetzen. Drücke dich für den lieben Kommentar!

Und Petra, du hast völlig recht, Liam ist schon ein Schwerenöter und er macht sich das Leben manchmal zu einfach, während Nick manchmal zu sensibel und nachdenklich ist. Aus diesem Grund tun die beiden sich aber auch ziemlich gut - auch wenn sie sich oft streiten. Auch dir lieben Dank für deinen Kommentar!


Ina Linger (01.09.2011)

Irgendwie hat der was, der Liam. Er nimmt das Leben eben auf die leichte Schulter. Während sein Freund eher verunsichert rüberkommt, wirkt Liam auf mich - trotz Pokerface - wie ein Schwerenöter. Klar, dass er mit seinem Themperament einiges vermasselt. Und wann kommt der nächste Teil?

Petra (01.09.2011)

Dieses Kapitel gefällt mir noch besser als das erste. Ich glaube es liegt daran, dass plötzlich der freche Liam auftaucht. Der bringt seinen Freund und Lisa in eine völlig peinliche Situtation. Nick und Lisa halten sich aber wacker. Nick und Liam sind zwei völlig gegensätzliche Charaktere und wie die zwei miteinander umgehen, das macht dieses Kapitel so unterhaltsam. Man fragt sich nun wie Lisa mit Liam fertig werden wird.

doska (31.08.2011)

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