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12 Seiten

Die Belfast Mission - Kapitel 45

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 45 – Schicksal



Mittwoch 27. September 1911, Queens Island


Während Ike auf der Schreibmaschine tippte, klopfte es an der Tür seines Büros. Bob McMurphy trat herein, zog sogleich seine Schirmmütze ab und glättete sein schütteres Haar. Die Typenhebel schlugen hörbar auf das Blattpapier auf, und die Art und Weise, wie Ike seine Zeigefinger auf die Tasten hämmerte, ließ seine missmutige Laune erahnen. Nachdem Ike ihn minutenlang ignorierte, ergriff er einfach das Wort.
„Du Ike, das mit Charles tut mir aufrichtig Leid. Ich mochte ihn, wir alle mochten ihn. Charles war ein prima Kerl.“
Ike hielt einen Moment inne.
„Danke Bob, sonst noch was?“, fragte er desinteressiert, während er einfach weitertippte.
„Tja also … Ich ähm, wollte mich für das Missgeschick mit den vermessenen Dielen bei dir entschuldigen und dich bitten, nur mir den Lohn abzuziehn, weil die Anderen doch dafür nichts konnten.“
„Ist aber schon längst geschehen“, antwortete er spitz. „In der Nachtschicht am Freitag habt ihr alle umsonst gearbeitet, weil Andrews es nicht einsah, euch eine ungeplante Doppelschicht zu bezahlen. Zurzeit ist er sowieso ungenießbar, weil die Arbeiten an der Titanic nur schleppend vorangehen.“ Ike verzog seine Mundwinkel. „Und mir hatte er deinetwegen den Arsch gewaltig aufgerissen.“
Sogleich riss er das Papier aus der Schreibmaschine heraus, zerknüllte und warf es zornig in den Papierkorb, worin auch all die zerrissenen Beileidskarten lagen.
„Mist, schon wieder ein Tippfehler und wiedermal ausgerechnet in der letzten Zeile“, moserte er. „Jetzt kann ich alles nochmal tippen. Wird mal endlich Zeit, dass irgendeiner ein verdammtes Tipp-Ex erfindet!“
Bob räusperte. „Ich-ich wollte dich außerdem noch fragen, ob du dich nun entschlossen hast, wen du aus dem Team für die Garantiegruppe vorschlagen wirst. Sieh doch mal, alle anderen Vorarbeiter haben schon …“
„Ich habe Aaron empfohlen und er wurde von Mister Andrews daraufhin sofort in die Garantiegruppe aufgenommen. Er wird also definitiv dabei sein. Glaube mir, dies war keine leichte Entscheidung. Es tut mir leid für dich“, unterbrach er ihn sogleich.
Einen Moment blickte Bob nur verdattert drein. Er mochte nicht glauben, was er soeben hörte. Ike war doch sein bester Freund und somit müsste es selbstverständlich sein, dass er ihn auf diese begehrte Liste einschreiben würde, dachte Bob. Seitdem Ike aber verheiratet war, besuchte er immer seltener das Nelson`s Pub und blieb nie länger als eine Stunde dort, weil, je mehr der Alkohol floss, desto intensiver wurde über dieses Thema diskutiert. Die Taverne war ohnehin überwiegend von Werftarbeitern besetzt und Ike wurde ständig von den Männern regelrecht mit der Bitte bedrängt, dass er bei ihrem zugeteilten Vorarbeiter ein gutes Wort einlegen sollte. Man versuchte ihn mit Getränken oder einer warmen Mahlzeit zu bestechen, manch einer verfolgte ihn sogar bis nach draußen in den Hof zur Latrine, um ihn zu bequatschen. Jeder wollte unbedingt in die Garantiegruppe aufgenommen werden, nicht nur allein deswegen, weil es praktisch eine Anerkennung für hervorragende Leistungen war, sondern hauptsächlich, weil sich ein unerreichbarer Traum erfüllen würde. Die meisten Werftarbeiter glaubten, dass ihnen ein Abenteuer bevorstünde und sie die gleichen Vorzüge genießen dürften, die mindestens einem zweite Klassen Passagier zustand. Einmal nur im Türkischen Bad entspannen, einmal nur im Restaurant À la carte mit den Reichen gemeinsam dinieren, in der Turnhalle die neumodischen Geräte auszuprobieren oder frühmorgens gleich nach dem Frühstück in den Swimmingpool zu springen – all das hatte noch niemand von ihnen je erlebt, zudem wäre eine zweite Klasse Fahrkarte für die Titanic für einen einfachen Werftarbeiter sowieso unerschwinglich gewesen. Und überdies entfachte in ihnen die Sehnsucht, mit dem größten Schiff der Welt über den Ozean bis zum gelobten Land Amerika zu reisen. Für Bobs Saufkumpanen stand es lange fest, und niemand zweifelte daran, dass er dabei sein wird, wofür sie ihn beneideten aber zugleich gönnten sie es ihm. Dies waren die Momente, wobei Bob sich in Sicherheit schwelgte und prahlte, dass er und seine Familie auf der Titanic mitfahren würden. Aber wie würde er jetzt dastehen? Sein Ton verhärtete sich.

„Was? Ich höre wohl nicht richtig. Du hast in der Tat diese Rotzgöre anstatt mich auserkoren? Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Überstunden ich geschrubbt habe und wie oft hatte ich deine Leitung übernommen! Wir haben gemeinsam eine Menge Scheiße durchgemacht und das ist der Dank dafür?“, fauchte Bob ihn zornig an.
„Bob, du musst mich verstehen. Ich habe oftmals Entscheidungen zu fällen, die mir selbst widerstreben. Aber Mister Andrews verlangte von jedem Team mindestens einen Lehrling und einen Gesellen. Da nun ich dabei sein werde, musste ich mich für einen Lehrburschen entscheiden und es kam nur Aaron in Frage, weil die anderen Jungs mit ihm nicht ansatzweise konkurrieren können. Er hatte ebenfalls, genauso wie du, unzählige Überstunden geleistet, jedoch unbezahlte wohlbemerkt. Und wie oft hatte er die Schule geschwänzt, nur um hier frühmorgens zu erscheinen, um zu arbeiten. Dem Jungen steht diese Ehre genauso zu. Also Bob, bleib bitte fair und gönne es ihm.“
„Ja aber, aber was soll ich jetzt Marie und den Kindern sagen? Ich hatte ihnen doch versprochen, dass wir mit der Titanic nach Amerika fahren!“
Seine verbitterte Enttäuschung war ihm im Gesicht geschrieben.
„Bob, höre mich an. Du hast da etwas missverstanden“, lenkte Ike behutsam ein. „Es handelt sich hierbei nicht um eine Vergnügungsfahrt, sondern um einen Bereitschaftsdienst, welcher rund um die Uhr andauern wird. Selbst wenn man uns mitten in der Nacht ruft, werden wir unsere Hintern aufraffen müssen. Es war nie die Rede davon, dass auch Familienangehörige an Bord dürfen. Bob, es mag für dich jetzt vielleicht enttäuschend sein, aber ich versichere dir, dass du mir für meine Entscheidung noch dankbar sein wirst.“
„Dankbar sein? Willst du mich verscheißern?“, schnauzte er seinen Vorarbeiter respektlos an.
Ike fühlte sich in dem Moment etwas schäbig, denn er konnte seinen Verdruss nachvollziehen. Anfangs buhlte er nur um seine Freundschaft, um seinen Bekanntenkreis zu erweitern, schließlich war Bob bekannt wie ein bunter Hund. Aber Ike empfand bald aufrichtige Freundschaft und ihm eine Freude zu bereiten, hätten ihn selber glücklich gemacht.
„Pass auf, ich mache dir einen Vorschlag“, versuchte Ike diplomatisch einzulenken. „In zwei Wochen beginnt die Kiellegung des dritten Schiffes Britanic … Ähm, ich meine die Gigantic, und ich verspreche dir, dass du dann bei dieser Garantiegruppe dabei sein wirst. Einverstanden?“
Bob feuerte seine Schirmmütze wütend auf den Boden, hob diese aber wieder zögernd auf und stülpte die Mütze auf seinen bulligen Kopf. „Steck dir die Gigantic doch sonst wohin. Von nun ab bist du nicht mehr am Stammtisch erwünscht. Nie wieder! Ich bin mit dir fertig … Holländer!“
Bob schmetterte die Bürotür hinter sich zu, sodass die Baracke spürbar erzitterte. Ike öffnete seinen Spint und holte die Whiskeyflasche heraus. „Ich habe dir soeben dein Leben ermöglicht und somit deine Familie vor dem Ruin bewahrt, du Narr“, murmelte Ike, bevor er die Flasche ansetzte.

Ike musste Stunden später feststellen, dass Bob McMurphy weder in der Werkstatt noch am Ausrüstungskai aufzufinden war, obwohl er die Anweisung von ihm zugeteilt bekam, die Arbeiten in der Titanic auf dem A-Deck am großen Treppenhaus fortzuführen. Er beauftragte Aaron, er solle nach ihm suchen. Schließlich brachte Aaron alsbald in Erfahrung, dass Bob einfach unerlaubt das Firmengelände von Harland & Wolff verlassen hatte. „Dieser störrische Esel!“, brüllte Ike daraufhin. „Es ist nicht zu fassen. Jetzt vermasselt er sich wegen solch einem Kram seine Zukunft!“
Ike rechnete zwar damit, dass Bob etwas ungehalten über seine Entscheidung reagieren würde, ihm sogar wohlmöglich die Freundschaft kündigen wird, aber er glaubte fest daran, dass er sich auch bald wieder beruhigen würde. Aber er ahnte nicht, wie besessen Bob diesen Traum verfolgte.
Diese Neuigkeit beunruhigte ihn zutiefst, weil die Pförtner dazu verpflichtet waren, das Sekretariat unverzüglich darüber zu informieren, wenn ein Werftarbeiter während der Dienstzeit ohne eine Einverständniserklärung seitens seines Teamchefs das Werftgelände verließ. Solch ein unüberlegtes Handeln wurde von der Geschäftsführung als eine fristlose Kündigung aufgefasst und verlangte keine weiteren Rechtfertigungen. Selbst wenn Ike sich für ihn einsetzen würde und in der Chefetage an der Türe klopfen dürfte, wäre es fraglich, ob über solch ein eigenwilliges Verhalten noch einmal drüber hinweggesehen und es lediglich mit einer Abmahnung abgetan wird. Für Männer, die ihre Pflichten nicht gewissenhaft erfüllten oder gar ihren Arbeitsplatz leichtfertig aufs Spiel setzten, zeigte man absolut kein Verständnis, selbst wenn die Beweggründe dafür nachvollziehbar wären, weil beispielsweise ein Familienangehöriger verstarb. Es verlangte unbedingt eine schriftliche Genehmigung von einem Vorarbeiter, um Queens Island während der Dienstzeit zu verlassen. Der Arbeiter hatte lediglich zu funktionieren, schließlich gab es genügend Arbeitslose in Belfast, die sogar für weniger als ein irisches Pfund pro Woche motiviert arbeiten würden. Bob musste aber eine Familie ernähren und falls man ihn nun nicht mehr bei Harland & Wolff arbeiten lassen würde, sähe seine Zukunft und die seiner Frau und Kindern auch nicht unbedingt rosiger aus, als wenn er mit der Titanic untergegangen wäre.

Noch bevor die Feierabendschelle rasselte, eilte Ike hinaus auf die Straße. Heute war der besagte Mittwoch, an dem der Vorarbeiter Carl Clark aus der Mission scheiden sollte. Ein brennendes Haus diente dazu, die genauen Koordinaten für ein Zeitfenster zu kalkulieren. Ursprünglich war es sein Exit gewesen aber der Schleuser Simon Barnes hatte ihm befohlen, dass er stattdessen unbedingt bei diesem Ereignis dabei sein sollte. Ike sollte später aussagen und bestätigen, dass die darin gefundene verkohlte Leiche sich dabei um Mr. Carl Clark handeln würde.
Auf der Straße herrschte bereits Aufruhr und Ike sah eine dunkle Rauchschwade über den Dächern von Belfast emporsteigen. Je mehr er dem Arbeiterviertel entgegen rannte, desto mehr aufgebrachte Leute begegneten ihm. „Holt in Gottes Namen die Feuerwehr. Die Flammen schlagen schon auf das nächste Haus rüber!“, rief jemand entsetzt. Das Feuer musste unbedingt unter Kontrolle gebracht werden, ansonsten würde das gesamte Arbeiterviertel und wohlmöglich die halbe Stadt abbrennen.
Ike erschauderte, als er mitten auf der Straße stand und erkannte, dass es das Haus der McMurphys war, welches brannte. Aus dem Fenster des obersten Stockwerkes loderten die Flammen heraus, wobei es jedem Menschenverstand klar sein musste, dass darin ein Höllenfeuer brannte und falls sich darin noch Personen aufhalten würden, jegliche Hilfeleistung vergebens wäre. Ein Bildnis des völligen Chaos präsentierte sich ihm.
Polizisten auf Pferden knüppelten die Plünderer zurück, die sich sogar an den benachbarten, unversehrten Reihenhäusern hermachten, die Fensterscheiben einschlugen und einfach hineinstiegen. Die Hauseigentümer wurden schlichtweg niedergeprügelt, dann nahmen sich die Plünderer alles, wonach sie greifen konnten und flüchteten mit dem Hab und Gut in die engen Gassen. Ike blickte entsetzt und schlug dabei die Hände auf seinen Kopf. Menschenmassen kamen herbeigerannt, sodass die Feuerwehr in der beengten Straße ihre Last hatte, an die Hydranten zu gelangen. Jedoch waren nur die Wenigsten dazu bereit, die Feuerwehrleute zu unterstützen. Des einen sein Pech war des anderen sein Glück. Holt euch, was zu retten ist und was ihr gebrauchen könnt, hieß von nun ab die Devise.
Schreie erklangen, Schüsse peitschten durch die Luft, Polizisten wurden von ihren Pferden gezogen und verprügelt, genauso prügelten die Polizisten mit ihren Schlagstöcken auf den Mob ein. Im Arbeiterviertel herrschte die pure Anarchie. Manch einer war gar mutig genug, um in das brennende Haus zu stürmen und rauszuholen, was noch zu retten und vor allem wertvoll war. Die Feuerwehrmänner zogen im Eiltempo ihre Löschzüge herbei und koppelten ihre Wasserschläuche an die Hydranten, die von dutzenden Schaulustigen belagert waren. Das Haus der McMurphys war sowieso nicht mehr zu retten, also hielten sie die Wasserstrahle auf die Nachbarhäuser, worauf das Feuer bereits übergegriffen hatte.

Ike blickte entsetzt auf das lodernde Haus. „Mein Gott … Bob!“, rief er und rannte sogleich auf die Haustüre zu, aber dann zögerte er. Plötzlich packte ihn Simon Barnes am Kragen und zerrte ihn zurück. Er war selbstverständlich wie Carl Clark gekleidet und auf seinem Haupt lag, wie immer, ein schwarzer Bowler.
„Hast du den Verstand verloren? Gleich knallt es, dann wird sich hinter dieser Tür ein aktiviertes Zeitfenster befinden. Es ist mein Exit, schon vergessen?“
Ike blickte ihn keuchend an.
„Entschuldige Mister Clark, selbstverständlich lasse ich dir den Vortritt. Es ist nur …“ Einen Moment fehlten ihm die rechten Worte. „Es ist nur weil … Ich habe Bob zwar vor dem Ertrinken gerettet, aber nun ist er in den Flammen umgekommen.“
„Das ist nicht sehr verwunderlich, trotzdem gebe ich zu, dass es auch mich immer wieder fasziniert“, antwortete Barnes alias Clark. „Ereignisse lassen sich zwar leicht verändern, jedoch niemals das Schicksal eines Menschen. Was geschehen soll, wird geschehen. Dies scheint offenbar einem göttlichen Gesetz unterlegen zu sein. Achte Mal darauf, du wirst es in deiner Laufbahn noch zu genüge erleben. McMurphy starb ursprünglich während des Untergangs der Titanic und war dem Tode geweiht. Selbst wenn du einen Zeitsprung unternehmen würdest, um ihn vor dem Flammentod zu bewahren, garantiere ich dir, stirbt er in kürzester Zeit an etwas anderem. So war es bislang immer gewesen.“
Plötzlich knallte eine dumpfe Explosion, wobei Ike zusammenzuckte.
„Das war nur der randvolle Wasserboiler“, sagte Carl Clark. „Jetzt ist das Zeitfenster aktiviert und sobald ich durch die Haustüre gehe, werde ich verschwinden und exakt eine Minute später, wird eine Leiche in den Hausflur transferiert werden, damit die Akteure ihren Beweis haben, dass Mister Clark tatsächlich umkam. Am Checkpoint angekommen, werde ich unverzüglich unsere Briefe verfassen.“
Carl Clark griff zum Abschied an seinen Bowler und grinste ihn wie gewohnt, mit gekniffenen Augen an.
„Mach, dass du wegkommst, denn gleich gibt’s einen hübschen Bums, weil die Gasleitungen durchglühen. Hiermit lade ich dich herzlichst zu meiner Beerdigung ein“, waren seine letzten Worte, dann verschwand der Schleuser vor Augenzeugen in der Eingangstüre, daraus dunkler Rauch stieg. Ike wird später im Polizeirevier aussagen, dass Mr. Clark einen Hilferuf vernahm und deshalb wagemutig hineinging.

Ike war nun vorgewarnt, dass jeden Augenblick eine Gasexplosion erfolgen würde und entfernte sich zügig von den brennenden Reihenhäusern. Inmitten des Getümmels erblickte er die gewichtige Marie McMurphy und die beiden Zwillingsmädchen, wie sie auf ihren Knien lag. Sie faltete ihre Hände, wie bei einem Gebet, blickte zu diesem Inferno hoch und schrie und weinte, während einige Nachbarn sie zu beruhigen versuchten. Ike erstarrte, doch dann wandte er sich ab und flüchtete die Straße entlang. Eine mächtige Explosion erschütterte hinter ihm, das Mauerwerk zerbärste und Steinbrocken flogen wie Geschosse herum.
Am nächsten Tag wurde von dem Brand im Arbeiterviertel in der Tageszeitung berichtet. Insgesamt wurden drei Häuser von den Flammen verzehrt. Trotz der verheerenden Gasexplosion waren gottlob nur wenige Verletzte zu beklagen. Die Presseleute bezeichneten dies als das Wunder von Belfast. Der Feuerwehr gelang es, das Flammeninferno unter Kontrolle zu bringen und rettete die Stadt somit vor einer Katastrophe. Ike wurde nachdenklich, als er diesen Zeitungsartikel las. Diese Brandkatastrophe geschah schließlich eigentlich gar nicht, weil Bob ursprünglich in die Garantiegruppe aufgenommen wurde und stattdessen während des Untergangs ums Leben kam. Also waren alle anwesenden Personen auf der Straße vor dem Tod verschont geblieben, weil ursprünglich niemand zu diesem Zeitpunkt starb, weshalb von einem Wunder berichtet wurde.
Ike forschte nach und fand heraus, dass Bob, nachdem er mittags das Werftgelände verlassen hatte, schnurstracks ins Nelson`s Pub gegangen war und sich mächtig betrank. Dies bestätigte ihm Nelson persönlich, wobei er äußerst ungehalten reagierte. Nelson war über McMurphys Tod weder bestürzt noch empfand er ansatzweise Trauer, weil Bob alles auf einen Deckel hat schreiben lassen und der griesgrämige Wirt nun auf der geprellten Zeche sitzen blieb.
Zuhause angekommen, so vermutete es Ike, zündete er sich auf der Wohnzimmercouch volltrunken eine Zigarette an und war dabei eingeschlafen. Es war wohl Schicksal, dass seine Ehefrau mit den Kindern derzeit außer Hause war. Ike wusste, die gute Marie hätte ihn sofort mit dem Nudelholz ins Bett gescheucht und aufgepasst, dass keine weiteren Dummheiten passieren.
Obwohl ihm Bob wie ein verrückter Bruder ans Herz gewachsen war und er sich aufgrund dessen dafür verpflichtet fühlte, seine Familie in jeder Hinsicht zu unterstützen, tat er es trotzdem nicht. Die Sicherheitszentrale würde dies ohnehin nicht genehmigen, weil die UE-Regierung dieses Ereignis nicht verschuldet hatte und dem Schleuser dies strikt untersagen würde. Ike sorgte lediglich dafür, dass Bob ein bescheidenes Grabmahl auf dem katholischen Milltown Friedhof in Belast erhielt, um ihn wenigstens diese Ehre zu gewähren.

Für Anne brach wortwörtlich eine Welt zusammen. Ihr war es bewusst geworden, dass sie in eine versuchte Zeitmanipulation verstrickt war und dies mithilfe einer Scheinehe, auf die sie sich einließ, tatkräftig unterstützt hatte. Anne verhalf zwar, wenn auch unbewusst, zu einem Verbrechen, aber sie beteuerte, wenn sie nur ansatzweise von solch einem Delikt geahnt hätte, dann wäre sie diese Heirat niemals eingegangen, auch wenn die kostenlose Auswanderung dermaßen verlockend klingen vermochte. Ike kannte sie mittlerweile gut genug, um davon auszugehen, dass sie und ihr Sohn absolut unschuldig waren und lediglich benutzt wurden. Aber nichtsdestotrotz würde Anne mindestens wegen Einwilligung einer Scheinehe zur Rechenschaft gezogen werden, was bedeutete, dass sie und Justin unweigerlich wieder zurück in das 25. Jahrhundert beordert und verurteilt werden.
Anne zog sich mit ihrem Sohn seither in ihrem Zimmer zurück und wies sogar Eloise ständig ab, die sie lediglich zu trösten versuchte.

Eloise war sehr besorgt, zumal beide kaum etwas aßen, sich stattdessen von früh bis spät in ihr Schlafgemach verbarrikadierten und nur selten herauskamen. Selbst Ike verhielt sich ihr gegenüber ungewohnt verschlossen und reagierte manchmal gar aggressiv, wenn sie ihren Trost wegen seinem verstorbenen Onkel aussprach. Es blieben ihr nur noch die Schäferhündin und das Rehkitz, die ihre Zuneigung dankend annahmen. Besonders hingebungsvoll kümmerte Eloise sich um das kleine Reh und gewährte dem zarten Geschöpf sogar einen Schlafplatz in der Wohnstube, direkt neben dem warmen Kamin.
Abends saß Eloise schließlich alleine in ihrem Schaukelstuhl und hielt ein Buch in ihren Händen, obwohl sie darin nicht las. Es war eben die Macht der Gewohnheit und Eloise klammerte stets an Traditionen. Sie beobachtete, wie das Rehkitz in sich eingerollt auf einer Decke schlief, während Ike längst oben im Bett lag. Nichts war mehr so, wie es vorher war, das machte sie zutiefst traurig und nachdenklich. Sie erinnerte sich, als vor Jahren ihre geliebte Großmutter gestorben war und im Hause der O’Brians die Trauer herrschte. Jedoch saß die Familie stets zusammen und niemand blieb in diesen schweren Stunden tagelang alleine. Während Eloise in die Flammen starrte und nach dem Knistern und Knallen des Kaminholzes lauschte, überkam ihr das merkwürdige Gefühl, dass weder Anne noch Justin und erst recht nicht Ike, um Onkel Charles trauern würden, zumal sie die Einzigste war, die seit seiner Beerdigung ausschließlich schwarze Kleider trug.
Eloise ließ ihre Erinnerung noch einmal gedanklich Revue passieren, seitdem sie die Owens das erste Mal begegnete. Sie kniff ihre Augen und erinnerte sich, dass Onkel Charles weder seiner Ehefrau noch seinem Sohn jemals seine Zuneigung zeigte. Dies verwunderte sie zwar oftmals, aber da sie Onkel Charles sowieso von Anfang an für einen komischen Kauz hielt, dachte sie darüber nicht weiter nach. Plötzlich wurde Eloise aus ihren Gedanken gerissen, weil Ike hastig aus dem Badezimmer marschierte und energisch an Annes Zimmertür klopfte. Sie legte das Buch auf den Wohnzimmertisch, reckte ihren Hals, lugte neugierig hinüber in den dunklen Flur und horchte.
„Anne, bist du noch wach?“, hörte sie Ike leise fragen. Dann vernahm sie, wie die Tür sachte verschloss. Eloise erhob sich aus ihrem Schaukelstuhl und ging langsam auf den Flur zu. Ihr Herz pochte wild. Sie blieb einfach stehen, als sie ihre Stimmen vernahm. Ihre grünen Augen waren weit geöffnet und sie versuchte dabei angestrengt ihr Gespräch mitzuhören. Es wäre sicherlich einfacher gewesen, wenn sie einfach ihr Ohr an Annes Zimmertür gedrückt hätte, aber Lauschen gehörte sich nicht. Also versuchte Eloise wenigstens etwas aufzuschnappen.

Es war dunkel im Zimmer und Anne lag seitlich in ihrem Bett. Nur das Mondlicht schien durch das Fenster und spendete ein spärliches Licht. Als sie auf sein Klopfen nicht reagierte, war Ike einfach hineingegangen. Justin zog die Bettdecke vom Kopf und knipste sofort seine LED-Taschenlampe aus. Er las gerade unter der Bettdecke in einem Buch.
„Anne, schläfst du etwa schon?“, flüsterte er.
Sie schniefte. „Nein … Komm ruhig herein“, antwortete sie erschöpft.
Ike lächelte und pustete einmal kräftig durch, bevor er weitersprach.
„Ich habe eine erfreuliche Nachricht für euch beide. Ihr dürft bleiben und müsst nicht, wie ihr befürchtet hattet, zurück nach United Europe.“
Daraufhin schaltete Anne die Nachttischlampe an und richtete sich auf. Sie band hastig ihr schulterlanges Haar zu einem Zopf und blickte ihn fassungslos an.
„Wie, ist das wirklich wahr? Aber ich verstehe nicht …“
„Nun, einen kleinen Haken hat die Sache schon, Anne“, erklärte er. „Ich kenne einen Freund, der unter der Obhut sehr guten Rechtsanwälten steht und sich mitunter gerne mit der Sicherheitszentrale anlegt. Um es auf den Punkt zu bringen … Die Sicherheitszentrale ist, aufgrund des Nachdrucks meines Freundes, nun von deiner Unschuld ebenfalls überzeugt und sind trotz deines Betrugs dazu bereit, euer Leben hier in der vergangenen Welt zu genehmigen.“ Ike zuckte kurz mit den Schultern. „Die Regierung strebt schließlich danach, die Überbevölkerung zu reduzieren und weil euch die Sicherheitszentrale für das Zwanzigste Jahrhundert absolut für geeignet einstufte, sehen sie keinen Grund dafür, euch wieder aufzunehmen. Die einzigste Bedingung aber ist, dass du dieses Haus unverzüglich der UE-Regierung überschreibst. Es wurde ohnehin vertraglich festgelegt, nachdem auch Justin irgendwann in den Achtzigern oder Neunzigern versterben wird, dass dieses Haus automatisch dem Staat vermacht wird. Es soll als eine Basis von Belfast für die Agenten und Schleuser dienen.“
„Sonst keine weiteren Bedingungen? Ich bin einverstanden. Na los, setz endlich den Vertrag auf“, antwortete sie freudig und hätte Ike nicht seinen Finger auf den Mund gelegt und somit energisch um Ruhe gebeten, wären Mutter und Sohn sicherlich jubelschreiend im Zimmer herumgetanzt. Aber Eloise durfte doch nichts von alldem erfahren.
„Pscht … Ich verstehe eure Freude nur sei dir aber auch bewusst, dass die Sicherheitszentrale keinerlei Verantwortung mehr trägt und euch nicht weiterhin beschützen wird. Selbst mir wird es fortan nicht mehr gestattet sein, dich und deinen Sohn zu verteidigen. Ihr seid dann offiziell Akteure und müsst dieses Haus unverzüglich verlassen.“
Anne wirkte trotzalledem sehr entschlossen.
„Dieses Risiko gehe ich gerne ein und wohnen werden wir in der Schule. Im Dachboden gibt es eine kleine Zweizimmerwohnung, die sowieso für eine Schuldirektorin gedacht war. Darin hatte einst Misses Goldfield gewohnt. Sei unbesorgt, die Schule befindet sich direkt am Marktplatz, umringt von hilfsbereiten Nachbarn. Mittlerweile bin ich dort genauso bekannt, wie der Bürgermeister. Alle begrüßen mich beinahe ehrfürchtig und nennen mich Frau Schuldirektorin“, kicherte sie übermütig.

Anne war dermaßen glücklich, dass sie sogleich ihre Koffer unter dem Bett herauskramte und jetzt, am späten Abend, sogar mit dem Packen anfangen wollte. Justin hüpfte vor Freude auf seinem Bett herum und als Ike ihn gerade zur Ruhe ermahnen wollte, sprang er ihm freudig in die Arme.
Plötzlich klopfte es an der Tür.
„Komm ruhig herein, Liebes!“, rief Ike.
Eloise trat zögernd herein und blickte verwundert auf glückliche Gesichter. Justin klammerte gerade wie ein Äffchen in seinen Armen, aber Ike tollte ja des Öfteren mit ihm herum und dies war somit nicht sonderlich. Aber ein Junge, der vor Tagen seinen Vater verloren hatte, müsste doch abgrundtief traurig sein. Eloise verschränkte ihre Arme und blickte verärgert.
„Ich will jetzt auf der Stelle wissen, was hier verflixt nochmal los ist. Ihr amüsiert euch, obwohl wir Onkel Charles gestern beerdigt haben. Schämen solltet ihr euch, jawohl, schämen!“
Ike kannte vor allem seine Ehefrau zur Genüge, um abschätzen zu können, inwiefern sie ihm noch zu glauben bereit war. Sie kannte ihn doch genauso gut und würde es sofort merken, wenn er lügen würde. Die Zeit der Wahrheit war gekommen oder Eloise würde ihm nie wieder vertrauen.
 
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Sagen wir mal so…Eloise hatte nicht offensichtlich gelauscht, weil es ihre katholische Erziehung einfach verbietet. Aber sie ist sehr neugierig und nun spürt sie mehr denn je, dass Ike und Anne ihr irgendetwas verheimlichen. Jedoch gelang es ihr nicht, dieses Gespräch mitzuhören. Ike wird jetzt gezwungen sein, ihr endgültig die Wahrheit zu sagen.
Anne riskiert mit ihrer Entscheidung tatsächlich in Gefahr zu geraten, daran kann man erkennen, wie sehr sie darum gekämpft hatte, mit ihrem Sohn aus dem 25. Jahrhundert zu flüchten. Mal sehn was passieren wird…


Francis Dille (05.01.2014)

Ein ausgesprochen gelungenes Kapitel. Man kann sich alles sehr gut vorstellen, so wie du es beschreibst. Ein wenig Sorge habe ich ja doch um Anne und Justin. Denn diese Welt, in der sie nun für immer leben möchte, ist gewiss gefährlicher als ihr bisheriges Dasein in der Zukunft. Und nun bin ich mal gespannt, ob Ike den Mut haben wird, wirklich Eloise über alles aufzuklären, aber gelauscht hat sie ja schon.

Evi Apfel (04.01.2014)

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